„Schatz, wir müssen reden“ – aber digital?

Ich hatte mich bewusst für die Jahrestagung des Netzwerk Öffentlichkeitsarbeit in Darmstadt entschieden. Warum? Weil ich das Thema „Kirche und Mitgliederkommunikation“ unter dem Titel „Schatz wir müssen reden“ griffig und provokant zugleich fand. Die angekündigten Workshops zu „Social Media im Gemeindealltag“ und „Jugendkommunikation mit Snapchat“ machten meine Entscheidung noch einfacher. Doch dann zeigte die Tagung, dass zwischen Theorie und Praxis manchmal eben doch Welten liegen können…

Wie in „Social Media ist keine Insel“ schon angemerkt, gab es bis zum Konferenzstart am Montag Nachmittag keinen offiziell kommunizierten Hashtag. Wir einigten uns in exklusiver Twitter-Runde letztlich auf #noeda2017. Nicht schön und nur intern wirklich verständlich. Aber immerhin. Ein wenig zog sich eben dieses Gefühl von aber immerhin wie ein roter Faden durch die kommenden Tage.

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Flyermotiv zur Jahrestagung Netzwerk Öffentlichkeitsarbeit 2017

Woran lag das? In der Evangelischen Hochschule trafen sich Kommunikatoren aus dem kirchlichen Kontext, bundesweit angereist und von allen Hierachieebenen. Ein buntes Feld an Akteuren und beruflichen Hintergründen: Fast 70 Personen, die alle was mit „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ machen, täglich. „Mitgliederkommunikation“ beschäftigt sie, uns alle. In je unserem Umfeld und der Umgang damit ist auch je unterschiedlich. Nach nur wenigen Minuten während der Begrüßung wurde deutlich, die abstrakte Annäherung ans Thema steht eindeutig im Mittelpunkt der Tagung und ich fragte mich sofort: War ich hier überhaupt richtig?
Den wissenschaftlich-theologischen Rahmen werde ich hier nicht aufrollen, denn es ist noch eine umfassende Dokumentation der Konferenz geplant, wo man die vorgestellten Studien, Begriffsklärungen bzw. Abgrenzungen, soziologische wie theologische Deutungsmuster der hochkarätigen Referenten von Prof. Dr. Gerhard Wegner (Sozialwissenschaftliches Institut der EKD), Prof. Dr. Jan Hermelink (Universität Göttingen) bis Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer (Universität Duisburg) nachlesen kann.

Vielmehr von zwei Momenten auf der Tagung möchte ich berichten, die noch immer nachhallen: „Willkommen im Club“ war der  Vortrag von Christian H. Schuster (ADVERB Agentur für Verbandskommunikation) überschrieben, der für einige Aufruhr im Publikum sorgte.

Bei den Einen, weil Nachfragen wie „Kennen Sie die Twitteraktion #7Wochenohne und was halten Sie davon?“ von den wenigsten überhaupt irgendwie beantwortet werden konnte oder man sich nicht als Papst-Follower bei Instagram outen konnte. Stattdessen gingen hilfesuchende Blicke in Richtung der anwesenden „Social Media Menschen“. Die Aussage: „Vergessen Sie Facebook, wenn sie keinen Content haben“, rief nur bei drei Personen im Raum einen erleichterten Lacher hervor. Und das war wohl auch des Pudels Kern. Über Habitus und den Grad der Direktheit seines Vortrags mit zahlreichen Beispielen aus der Verbandskommunikation mag man sich auseinandersetzen, ja. Aber die Tatsache, dass sich bei Twitter, Facebook und Instagram während der drei Tage nicht mal ein Dutzend Aktiver zusammenfand, um sich (auch dort!!1!) auszutauschen und mehr noch: Der (Kirchen-)Welt „da draußen“ von der Tagung und einem für sie brennenden Thema zu berichten, also unmittelbare Teilhabe zu ermöglichen, spricht für mich wiederum Bände.
Fühlten sich die „alten Kommunikationshasen“ (Zitat) also ertappt und reagierten deshalb so angefasst? Echauffierte man sich deshalb lieber darüber, dass man ihnen als Kommunikatoren doch nicht erzählen müsse, WIE man kommuniziert?

Die Socials im Publikum klatschten wiederum digitalen Beifall bei Sätzen wie: „Sehen Sie der Tatsache ins Auge: Jugendliche wollen nicht gebunden werden, auch nicht in sozialen Netzwerken“ und „Der Schlüssel für einen gelungene Mitgliederkommunikation (egal welcher Branche) in Social Media liegt in der Befähigung der Haupt- und Ehrenamtlichen“. Ergo: Man muss es halt TUN!

Zur gleichen Zeit im Internet: Hier nahm die Diskussion zu #digitaleKirche nochmal neue Fahrt auf, was zumindest ganz am Rande mal erwähnt wurde, aber nicht so richtig Eingang in die geführten Diskussionen fand. Dabei wäre hier die Chance einer Verschränkung von Theorie und Praxis, gelebter Mitgliederkommunikation also, ein Leichtes und sicher inspirierend gewesen.

IMG_3692Einblick in eine ganz andere Welt bescherte uns der Ausflug nach Frankfurt zur Commerzbank, wo wir nach einer ausführlichen Architektur-Führung durch den Tower bei bester Aussicht und vielen Instagram-Motiven in die „One-Voice-Social Media-Strategie“ des Konzerns eingeführt wurden. Wie sie ihre Finanz-Themen „durch die Bank“ auf den unterschiedlichsten Kanälen und diversen Plattformen verzahnt spielen, was es an Ressourcen, Planung, Budgets und Know-How, sowohl im Team als auch innerhalb der gesamten Mitarbeiterschaft, braucht. Und siehe da: Alle waren vor allem eins – beeindruckt. Niemand muckte. Im Gegenteil: Man goutierte die Professionalität, das strategische Vorgehen. Ja, so könne es laufen. Wo genau war jetzt das Wurmloch, durch das wir seit dem Vortag gefallen waren? So ganz bringe ich beides immer noch nicht zusammen und kann mir die konträren Reaktionen auf beide Vorträge mit ähnlichem Inhalt nicht erklären. War die Commerzbank-Präsentation leichter verdaulich, weil sie unverbindlicher, nicht (auf-)fordernd und eher beschreibenden Charakters war und inhaltlich ja so weit weg von Kirche?

IMG_3631.JPGAußerordentlich gefreut habe ich mich auf den Workshop „Social Media im Gemeindealltag“ mit Carola Scherf, Pastorin aus Lübeck, die als @pastoracara Social Media seit gut einem Jahr bespielt bzw. lebt. Ich empfehle sie gern bei der Frage nach kirchlichen „Best Practices auf lokaler Ebene“. Wir waren bisher nur digital vernetzt und so war ich total gespannt, sie persönlich kennenzulernen. Locker, authentisch und humorvoll berichtete sie ihren Zuhörern, wie und warum sie das mit den „sozialen Netzwerken“ überhaupt macht und es völlig okay ist, wenn ihre Follower ihre Katze kennen.

Ich mache mich als Mensch, als Pastorin in Social Media ansprechbar.
Carola Scherf

Für ihre Gemeindemitglieder, aber eben nicht nur. Sofort kam der Satz „Mein Ansatz wäre das nicht, viel zu persönlich, aber das sei ja ihre Entscheidung.“ und natürlich fehlte auch die Frage, „Wann machen Sie das alles?“ nicht. Ernsthaft? Das geht doch alles so schnell, ein Foto beim Kaffee trinken hier, ein Tweet nach der Predigt da. Dafür muss man noch nicht mal #sehrfleißig sein.
Wir werden auf jeden Fall in Kontakt bleiben und den Hansestädten-Sprung zwischen Hamburg und Lübeck für ein gemeinsames Brainstorming in Sachen Social Media wagen. Ich freue mich schon jetzt drauf!

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Hessischer Abend in der Stiftskirche in Darmstadt

Versöhnlich gestimmt hat mich mit etwas Abstand, nach der inneren Unzufriedenheit über dieses Verharren am Theoretischen, dem fehlenden Willen (?) zum Sprung in die Praxis, dann doch die Rede von Kirchenpräsidenten Dr. Volker Jung der EKHN beim Hessischen Abend. In seiner Keynote stellte er die Frage in den Raum, wie wir uns in der digitalisierten Gesellschaft selbst neu sortieren können. Wie man sich und seine Kommunikation neu organisiert – in diesen Zeiten und bekannte „Wir sind alle am Probieren“. Das war offen, das war zugänglich und, so hörte ich es, ein Appell ans digitale Tun.

Gestern las ich dann im Thread #digitaleKirche noch diesen Tweet von Christoph Breit:

Wenn du ein Go brauchst: Fang JETZT damit an! #DigitaleKirche wird nicht feierlich eröffnet. Sie entsteht durch Tun. Poste! Streame! Blogge!

Wenn Mitgliederkommunikation von Kirche gelingen soll, wenn man die Kirchenfernen ernsthaft in den Blick nimmt, dann dort, wo sie/wir sind. Niemand wartet darauf, dass Kirche „nachkommt“. „Niemand will gebunden werden.“, wie es Christian H. Schuster so treffend formulierte. Zum Schluss möchte ich Prof. Hermelink frei zitieren:

Nehmt die institutionelle Brille ab. (…) Lasst die vielen Ziele von Kirche am Besten hinter euch, und fragt, was Menschen in ihren Lebensphasen wirklich von Kirche wollen. Und: Redet nicht nur über sie, sondern mit ihnen. 

Hier möchte ich ergänzen: Und das bitte AUCH digital!

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UPDATE (3.8.2017):
Die epd-Dokumention zur Tagung „Schatz, wir müssen reden! Kirche und Mitgliederkommunikation“ ist nun bestellbar.

 

 

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