#LoveOutLoud for re:publica 2017

Meine erste re:publica. Direkt im Anschluss an den „digital detox“-Urlaub in Dänemark hieß es drei Tage lang „digital-only“ in der Station in Berlin. Schon lange wollte ich mal beim Klassentreffen der Digitalszene dabei sein, nun also sogar in offizieller (kirchlicher) Mission. Meine Erwartungen waren groß.

Bereits am Sonntag gab’s das Probeschnuppern, die pre:re:publica. Registriert, Leute spotten – ein paar Gesichter kannte ich tatsächlich von den Barcamps des letzten Jahres – und nochmal die Sonne genießen, denn das Wetter für Berlin war als aprilig und kalt angekündigt, was dann leider auch stimmte.

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Volles Programm bei der #rp17 an allen drei Tagen

Als Newbie (das Newbie-Meetup habe ich dann allerdings geschwänzt) hielt ich mich erst mal an die offiziellen Part und nahm an Stage 1 zur Eröffnung Platz, hörte Erschreckendes zur politischen Lage in der Türkei, Polen, Ungarn und Ägypten. Meine Tweets zu Can Dündar, der als Überraschungsredner auf die Bühne kam, erhielten prompten unqualifizierten Gegenwind von türkischen Twitterern. Ein Zeichen, wie wichtig das ausgelobte Motto der re:publica #LoveOutLoud ist.

Das beste Plädoyer für die Liebe – analog wie digital – steuerte Carolin Emcke in ihrer Keynote bei. Eigentlich hätte ich nach ihrem Vortrag gehen können, so pointiert und umfassend brachte sie die Themen Freiheit, Gleichberechtigung, Respekt, Diversity und Liebe zusammen. Nachzuhören hier.

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Ja, Kirche ist auf der re:publica – mal offensichtlicher – mal undercover

Der Montag war sogleich Church-Day, denn es gab zwei kurze Sessions zum Thema #digitalekirche. Wie die Kirchenstunde lief, muss ich nicht rekapitulieren, das haben Ralph-Peter Reimann auf theonet.de, Felix Neumann für katholisch.de und Hanno Terbuyken für evangelisch.de schon getan. Nur soviel, aus der Session mit Johanna Haberer wäre ich am Liebsten genauso aufgestanden, wie es ein Teilnehmer tat, als er auf seine Frage, wieviel Empirie ihren Ausführungen denn zugrunde liegen würden, die Antwort erhielt: „Ich verweigere mich.“  Ich ziehe den Hut, dass sie sich mit dieser Haltung immer wieder in digitale Kreise begibt. Auch beim kirchlichen Meetup im Anschluss war sie dabei, dennoch begreife ich nicht, dass sie sich immer in diese missliche Lage bringt. Aber mehr noch ärgere ich mich, denn der Effekt ist nun mal der: Da war so eine Theologin, die schreibt und redet über Digitalisierung und hat keine praktische Erfahrung! Das ist es, was (im Netz und in den Köpfen, die Session war proppenvoll, nicht nur mit Kirchenmenschen) hängenbleibt, da können wir Kirchensocials noch so präsent sein und uns die Finger wund twittern. Ärgerlich!

IMG_3960Umso motivierender war dann das von Ingo Dachwitz initiierte Meetup der Netzgemeinde. Zwischen 40-50 Menschen aus kirchlichen Einrichtungen und kirchlich Interessierte kamen zusammen. DIE Gelegenheit sich mal in die Augen zu schauen und den Tweets und Postings eine Stimme und Gesicht zu geben, wenn man sich bisher nur digital kannte. Eine bunte ökumenische Mischung und ein #LoveOutLoud für „Wir sind schon viele“ bei der digitalen Kirche. An der Fortsetzung am Abend drauf, konnte ich dann nicht teilnehmen, das private Berliner Netzwerk wollte auch gepflegt werden. Die Frage, die aktuell schwelt ist, wie kriegen wir den Diskussionsschwung, der durch #digitalekirche gerade da ist, in unsere Institutionen, in unsere Strukturen zurückgespielt. To be continued.

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Sascha Lobo zur Lage der Nation am Eröffnungsabend

Die Überraschung des ersten Tages lieferte dann Sascha Lobo für mich. Seine Rede zur Lage der Nation am Abend, zum „Reden mit Rechts gegen Rechts“ und seinen Appell, den Zweifel zu säen, um „temporäre Arschlöcher“ wieder auf die „Insel der liberalen Demokratie“ zurückzuholen, hat mich mehr abgeholt als ich es erwartet hätte. Die Forderung nach klarer Kante und einer Diskussion mit der Zange (Klare Kante und Diskussion als Zangenteile) machte den Tag in Sachen #LoveOutLoud rund.

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#arbeitenviernull für Kaffee

Am Dienstag hatte ich Zeit mir die Messestände näher anzuschauen: Google, Mercedes Benz, Microsoft, Krankenkassen & Co. waren auch da, aber eben auch kleinere Start-ups präsentierten sich mit (un)gewolltem Impro-Charme. Mitmach-Aktionen wie „Tasse for Tweet“ oder das bekannte #freubier am Stand von Baden-Württemberg habe ich genausowenig ausgelassen, wie die zahlreichen Präsentationen zum Thema Virtual Reality im lab:atory. Besonders beeindruckt hat mich die Virtual Documentary des WDR „Inside Ausschwitz“.

Die Verschmelzung von Technik und Mensch, bedrohliche Perspektiven und Risiken brachte Miriam Meckel in ihrer Speech „Mein Kopf gehört nicht mehr mir“ auf die Bühne. Szenarien, die keine Sience-Fiction mehr sind, und ganz neue Fragen aufwerfen. Der „neuro divide“ und sein zusätzliches Spaltungspotenzial für unser Gesellschaft ist dabei nur eine neue Debatte, die zu führen sein wird. Wie definieren wir Identität und Freiheit, wenn unser Ich und unser Körper von außen gesteuert, optimiert und manipuliert werden kann. Die Session ist leider noch nicht online.

Auf der parallel stattfindenden Media Convention Berlin nahm ich an der Abschlusssession zur DigitalCharta teil, die leider verdeutlichte, wie lähmend bürokratische Strukturen sein können. Ich bin gespannt, wohin die Reise in Brüssel in dieser Sache wirklich geht.

Das Panel zu „Big Data = Big Possibility = Big responsibility. How media companies are handling using user data“ mit Richard Gutjahr  hatte für mich zwei Schlüsselmomente.  Nicht nur der charmante Groupie-Augenblick, als Gutjahr aus Verehrung für sie, der ehemaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger einen Amazon Echo schenkte, sondern auch der Moment, als auf die Frage von Prof. Dr. Petra Grimm vom Institut für Digitale Ethik: „Wer nutzt WhatsApp?“ fast 90% der Hände in die Luft gingen und sie schlicht fragte: „Warum sitzen wir dann hier?“ Touché!
Dieses Privacy-Paradox erlebe und lebe ich genauso. Daten, so auch die niederländische Aktivistin Fieke Jansen seien per se nicht schlecht, aber man wisse nicht, wofür sie ausgewertet werden. Der Zweck entscheidet und es fehle an Transparenz der Konzerne für ihre Verwendung. Zudem müsse man wissen: „Daten seien eine Blackbox“. Was heute harmlos gesammelt werde, können morgen anders – feindlich? – genutzt werden. Da gelte es aufzuklären und bewußt zu entschieden, was ich preisgebe. Bin ich damit wirklich einverstanden und was soll damit passieren?

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re:member – eine Initiative u.a. von Wibke Ladwig ❤

Eine Steilvorlage für den letzten Workshop meiner re:publica: Digitaler Nachlass.
Was soll mit meinen Konten und Daten im Netz „danach“ passieren. Es war ein fast schizophrenes Bild an Stage T. Ein Raum voller meist junger Menschen, die hochkonzentriert von Dennis Schmolk und Sabine Landes von digital.danach durch die Fragen und Szenarien für ihren digitalen Nachlass geführt wurden. Vom digitalen Nachruf, Erinnerungsprofilen und der Checkliste samt Erbverantwortlichkeit und Ideen zu digitaler Trauerkultur. Aber ein gutes Gefühl zumindest in diesem Kontext erleben: Wir sind uns unsere eigenen Datenverantwortung bewußt und wissen, welche Spuren wir im Netz hinterlassen (wollen).

Auf gut Glück – hieß das Abschlusspanel von Johnny Haeusler am Dienstag Abend, wo er die Programmverantwortlichen auf die Hauptbühne holte und das ich für die im Anschluss an die re:publica angestellten Reflexionen über die Rolle der Kirche auf der Konferenz und die Klagen über die angemessene Präsenz, überaus hilfreich fand – weil es für mich zumindest – einiges zurechtrückt:

Aber: Dass Kirche im digitalen Kontext immer noch für Überraschungen sorgt, einfach weil sie da ist, zeigt, wie weit sich die Mainstream-Kultur, die ihren Kirchentag auf der re:publica  feiert, von Kirche als gesellschaftlicher Akteurin entfernt hat.
Hanno Terbuyken auf evangelisch.de

Die re:publica diskutiert über Ethik und Themen, die das Kerngeschäft von Kirche berühren, so auch Ralph-Peter Reimann. Dennoch frage ich mich:

Wer muss sich hier bewegen: Die re:publica oder die Kirche?

Ich denke Letztere. Die Besucher der re:publica, also die re:publica-Zielgruppe fragt nicht: Wo ist Kirche auf der re:publica? Das ist der Mehrheit der Besucher herzlich egal und man kann ihnen eben keinen Vorwurf machen. Nicht der Mainstream hat sich von Kirche entfernt, sondern die Kirche hat den Anschluss an den Mainstream verloren. Dreht bitte die Perspektive! Das zeigt auch der oben zitierte Exotenbonus der beiden Sessions in diesem Jahr. Muss die re:publica theologischer werden? Auch hier sage ich Nein, auch das ist mir wieder zu sehr von Kirche als Absender gedacht – hat schon Missionsanflüge, bitte nicht. Ist mir persönlich schon wieder viel zu überfrachtet. Vielmehr muss Kirche sich fragen, mit welchen kirchlichen Positionen zu den dort verhandelten Digitalthemen, die die Zielgruppe wirklich interessieren, kann man einsteigen, wo sollte bzw. kann man sich äußern? Wie findet Kirche den Anschluss und Austausch mit den digitalen Influencer außerhalb ihrer Kirchenmauern? Die re:publica vermisst Kirche nicht. Es muss darum gehen, ein relevantes Angebot zu machen, das so attraktiv ist, dass sich die Macher für ihre Besucher darauf einlassen und sagen: Ja, das bereichert nicht nur unser Programm, sondern auch unsere Besucher. Da bin ich dann wieder ganz bei Hanno Terbuyken:

Nächster Plan: dass die re:publica an #DigitaleKirche nicht mehr vorbei kommt, wenn die #DigitaleKirche 2018 auf der re:publica vorbeikommt.
Hanno Terbuyken auf evangelisch.de

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Blick auf die Station und den Innenhof


Mein persönliches Fazit:
Gefühlt bewegt sich die re:publica zwischen Leipziger Buchmesse und Kirchentag, ist inspirierend und anstrengend zugleich. Ich hatte mein Programm im Vorfeld gut geplant, es gab keinen Totalausfall – einiges blieb an der Oberfläche, aber das ist bei der Fülle auch nicht anders machbar. Ob ich nächstes Jahr alle drei Tage da sein muss, werde ich mir überlegen oder mehr konkrete Kaffeedates im Vorfeld machen. Wobei die beiden bereicherndensten Begegnungen und Gespräche zufällig entstanden. Vieles wird sich erst in den kommenden Wochen setzen, Ideen kommen vielleicht erst langfristig zu Realisierung, denn die re:publica, so mein Eindruck, ist vor allem eine Debattenkonferenz. Sie bildet die Digitaldiskurse ab bzw. greift sie auf, bevor sie in den Mainstream übergehen. Das Motto wurde bereits vor zwei Jahren festgelegt und ist leider aktueller und notwendiger denn je.
Dass es aber geht, hat die re:publica 2017 genauso gezeigt.

Wir sehen uns wieder – zwischen dem 2. und 5. Mai 2018!

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