Das geht nicht wieder weg, Churchies!

Das wird jetzt eher ein Schnellschuß, wie man in der Verlagsbranche zu sagen pflegt. Aber bevor ich vollends in den Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg – ja, Magdeburg, nicht Berlin, abtauche, will ich noch ein paar digitale Gedankensplitter der post:re:publica-Woche festhalten.

Nachgerückt und wirklich dankbar dafür, konnte ich doch am  Fachtag „Digitaler Wandel – Das geht nicht wieder weg“ der Nordkirche teilnehmen. Die eigentliche Zielgruppe, kirchliche Mitarbeitende mit Führungsaufgaben, hatte sich am Ende nicht in der wünschenswerten Zahl angemeldet, so waren Plätze frei.
Fakt – und leider auch ein Statement.
Mit den Worten begrüßt zu werden: „Habe ich mir schon gedacht, dass Sie auch hier sind.“, wiederum tat gut.  Auch für die Verortung meines Themas „Social Media“, das ja nur ein Teil des großen Ganzen, des „digitalen Wandels“ ist. Dass dieser uns alle angeht, in jedem kirchlichen Bereich geprüft werden müsse, wie ihn das Digitale betrifft, führte Prof. Roland Rosenstock von der Uni Greifswald aus. Auch sein Resümee:

Der Rechtfertigungsdruck liegt bei denen, die sich nicht mit der Digitalisierung beschäftigen.
Prof. Roland Rosenstock

wurde im Plenum heftigst goutiert und wird sicher auch weiter getragen, hoffentlich über die kirchlich-digitale Filterbubbel hinaus.
Der Fachtag hatte ein hohes inhaltliches Niveau, eine offene Diskussion, ohne Schere im Kopf oder wie es oft genannt wurde, ohne Alarmismus. Digitale Möglichkeiten und Entwicklungen einfach mal durchzudenken, ohne im Vorfeld die ethisch-theologische Notbremse zu ziehen. Und siehe da, es funktionierte und brachte einen spürbaren Anschluss an aktuelle Transformationsdiskurse (cf. re:publica). Das tat gut!

Wie weit die Schere hingegen bei der ethischen Diskussion zwischen Kirche und Wirtschaftsunternehmen auseinandergeht, spürte man dann zum Abschluss des Tages, als wir durch den Playground von Google Deutschland geführt wurden. Ob und wie man im Unternehmen denn über Datenschutzfragen und Datenverarbeitung diskutieren würde, wurde gefragt. Wie man den internen Diskurs darüber führe? Die AntwVersion 2ort kam eher holzschnittartig und blieb vage. Unsere beiden Gastgeber spielten die Klaviatur zwischen Selbstkritik und kalkulierter Offenheit erwartbar gut gecoacht. Man sei bei Jobantritt überrascht gewesen, wie achtsam man Daten im Unternehmen behandle und an welche Daten man z.B. als Analystin auch gar keinen Zugriff habe. Der Gegenbeweis liegt bei uns Außenstehende, schon klar. Der Rundgang durch die Büros offenbarte das bunte Spektrum: Pokertisch, Kicker, Kinderspielbecken, Themenbüros, und Naschinseln, nie weiter weg als 50 Schritte. Ein guter Abschluss des Fachtages, aber sicher nicht das Highlight. Das war der rasend-tänzelnde Vortrag zu „Diesseits und jenseits der Digitalisierung“ von Prof. Dr. Ingrid Schirmer von der Uni Hamburg (Informatik). 

Beeindruckender war da die Location am Abend drauf. Der Themenabend Digitale Wirtschaft des BVDW fand in einer Stadtvilla im Heine Park an der Elbchaussee statt. Hamburg zeigte sich von seiner Sonnenseite und dank des Version 2Pecha Kucha-Formats der vier Impulsvorträge verlegte sich das Networking schnell mit Blick auf die Kräne von Finkenwerder auf die Terrasse im Park. Die Speaker hechelten sich durch Folien zum neuen Verständnis von Social Media, einer ansprechenden und wissenschaftlichen Kurzdarstellung der wichtigsten Social Media Kanäle.  Für diejenigen, die es immer noch nicht wissen. Samt der in Stein zu hauenden, simplen Formel:

Keine Teenagermarke? Dann braucht ihr auch kein Snapchat!

Den Vortrag zum Content Marketing von Svenja Teichmann von crowdmedia hatte ich auf der SMWHH schon gehört, nur halt in der Langfassung. Der vierte Vortrag stach dann etwas heraus. Es ging in diesem Case um die Erfolgsmessung in Social Media zur Produkteinführung einer vegetarisch/veganen Linie eines großen Wurstherstellers. Ein Case, dem ich als Vegetarierin kulinarisch so gar nichts abgewinnen kann, da ich Ersatzprodukte schlicht nicht mag. Aber die Zahlen zum Sentiment und zur Kundenzufriedenheit, sowie die Möglichkeiten des Frühwarnsystems durch Social Media stellte Melanie Arens trotzt des Zeitdrucks schlüssig dar. Einfach mal die Zielgruppe fragen. Das gilt, sorry, ich wiederhole mich, nicht nur für Eiklar in der Veggie-Wurst.

Am Tisch der letzten Mohikaner*innen gab es dann einen bunten Branchenmix von Fashion, Monitoring, Meinungsforschung über Consulting und eben mich von „Kirchens.“. Wie so oft begann auch hier der Small Talk, nach dem Blick auf das Namensschild und meinem Intro so:

Ich: Social Media für die ev. Kirche in Hamburg.

XY: Echt für die Kirche? Das gibt’s? Ist ja toll…sicher schwierig, oder?

Und wird meist mit einer unaufgeforderten Rechtfertigung mir gegenüber à la „Ich hab’s ja nicht so mit der Kirche, aber meine Eltern…“ o.ä. fortgeführt. Den Moment des Abends hatte ich dann aber, als ich in einem Satz, schon ganz im Kirchenjargon eingenordet, das Wort „Churchies“ verwendete und daraufhin ein verdutzt-heiteres Lachen durch die gesamte Tischrunde ging. „Du hast gerade ‚zig Sympathiepunkte für die Kirche geholt und die lag bei mir ganz weit hinten!“ Avec plaisir! Heute las ich bei Facebook, dass das Buch von Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt seit einem Jahr auf dem Markt ist. Ursprünglich, da mir das Buch in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen sprach, wollte ich auch noch etwas Längeres darüber schreiben. Vielleicht reicht aber für den Moment schon diese kleine Randnotiz: Sprache prägt unsere Wahrnehmung der Welt, also auch die Wahrnehmung von Kirche, im Großen wie im Kleinen. Und manchmal ist es eben nur ein Wort

An meinen letzten Kirchentag kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern, vermutlich war es Hamburg (1995). Bei dem in München (2010) waren wir „nur“ Quartiergeber, aber nicht aktiv involviert. Gespannt bin ich auch auf meinen ersten Besuch in Magdeburg und hoffe, dass es die #flusiaufdemweg die Elbe runter schafft.

Bis dahin: #kirchentag #digitalekirche #dusiehstmich !

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Update: Eine Tagungsdokumentation des Fachtag „Digitaler Wandel“ ist geplant.
Hier die aktuelle Zusammenfassung der Veranstalter.

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