Kirchentag 2017: Was ich sehe

Kirchentag. Der erste seit über 20 Jahren. Schon in der Vorbereitung fühlt sich vieles dennoch vertraut an. Häufig ein inneres „Ach ja, so war das.“ Sei’s die Schal-Kultur, die Fotos der Papphocker in den Messehallen und und und. Bekannt und doch irgendwie weit weg. Ein Blick eher von außen. Du siehst mich ist das Motto. Was sehe ich und auch die Frage: Was will ich wirklich sehen?

Unser Team ist also auf dem Weg, nach Berlin und ich nach Magdeburg. Die kleinere Ausgabe des Kirchentags mit einem angekündigten digitalen Schwerpunkt. Ich freue mich drauf! Magdeburgs Star heißt „Flusi“, nicht Obama. IMG_4981Sein fast zweistündiges Gespräch vor dem Brandenburger Tor schaue ich an Christi Himmelfahrt vom Hotelzimmer aus. Der Laptop aktualisiert die Social Media Kanäle im Halbminutentakt. Es geht um Engagement und Demokratie. Sehnsucht nach der vergangenen Präsidentschaft kommt auf. Der Wahlkampf für Angela Merkel wird den erhofften Schub bekommen haben, sie gibt sich erstaunlich locker und 1x sogar ganz schlagfertig und überraschend „frech“.

In Magdeburg ist es ruhig, zu ruhig. Fast wie ausgestorben, nahezu gespenstisch. „Die Beflaggung am Bahnhof ist aber dezent“, denke ich noch, als ich am Mittwoch Nachmittag ankomme. Dass es fast überall so sein wird, merke ich erst später. Der Taxler weiß gar nicht, dass die Kirchentagler kommen werden. Auch das Helfertreffen abends ist eine eher familiäre, aber herzliche Veranstaltung in einem schönen Gymnasium. Man kennt sich, auch die überregional Angereisten. Und die erste Ahnung: Die „Action“ scheint wirklich in Berlin stattzufinden – hier ist alles „suutsche“.

Ich verfolge unsere Kanäle bei Instagram, die Snaps unserer Jugendlichen und eines Propstes, der das Schiff begleitet und versuche selbst Schlaglichter vom Kirchentag auf dem Wegzum #kadw zu geben. Aber eben „suutsche“, denn in Magdeburg geht’s erst am Donnerstag so richtig los. Also bleibt Zeit durch die Stadt zu schlendern, die auch schöne Seiten hat. Eine Stadt, die wohl auch noch nicht vor allzu langer Zeit „ihre“ Elbe entdeckt hat.


Ich schaue mir die Aufbauarbeiten und den Liegeplatz der „Flusi“ an. Eine weitere Erkenntnis: Das wird ein laufintensives Unterfangen. Magdeburg ist eine einzige Baustelle bzw. Umleitung und mit der Beschilderung haben sie es hier nicht so. Weder in der Stadt, noch für den Kirchentag auf dem Weg. Ich werde auch viel der Stadt hinter der Stadt sehen.

Die Flusi“ kommt gut an, ist gut besucht am Vatertag. Die Männergruppen an der Elbpromenade halten sich in Grenzen, finde ich. Direkt zwischen dem Hauptgelände an der Petriförder und der „Flusi“ liegt eine Strandbar. Kurz Füße in den Sand stecken und ein Vatertags-Getränk. Über mir Himmel bzw. auf einem Stadthügel St. Petri und die Wallonerkirche. Da schaue ich kurz vorbei, dort ist ein Veranstaltungsort rund um Kirche und Digitales. Was ich sehe ist leider ein Digitrauertal, frei nach Hannes Leitlein. Ich treffe auf Ralf-Peter Reimann und Christoph Breit, die einen Workshop anbieten, um den Twittergottesdienst am Freitag Abend vorzubereiten. Resonanz: keine.

Die Retter in der Twitternot werden Konfirmanden aus Meiningen sein. Eine aufgeweckte Gruppe! Ich springe auch mit ein und bekomme Florian und Christian an meine Seite, wir kümmern uns um die interaktiven Parts. Tweets zum Glaubensbekenntnis und die Fürbitten. Nie gemacht, wir sind alle drei aufgeregt – da machen die fast 25 Jahre Altersunterschied eben keinen Unterschied. Morgen bin ich also bei BibelTV zu sehen.

Der Eröffnungsgottesdienst IMG_5069 nach dieser Spontanprobe ist schön. Aber noch schöner die Runde, mit der wir dann noch zum Griechen was essen gehen. Erster Frust wird weggeredet – die anwesenden Kirchensocials hatten mehr erwartet – viele sind extra angereist aus Berlin, hatten anderes, hochkarätiges beim „echten Kirchentag“ abgesagt.
Am Freitag Vormittag raffe ich mich tatsächlich auf zur Bibelarbeit – ich will Margot Käßmann hören. Sie spricht über Frauen- und Familienbilder, kritisiert die AfD und macht einen aufgeräumten Eindruck. Um 9.30 Uhr am Brückentag sind auch hier nur die ersten Bänke vor der Bühne voll. Schade, sie hätte mehr Ohren und Augen verdient. Immer wieder schaue ich auf die Gebärdendolmetscherin, die die Lieder übersetzt. Dass man zum Singen aufsteht, verstehe ich zwar, setzt mich als Nicht-Sängerin, aber noch mehr unter Druck. Ich bleibe dennoch sitzen.


Den Weg zur Festung Mark muss ich per Google Maps suchen, die Helfer am Ausgang wissen leider auch nicht weiter. Keine Pfadis, keine Schilder zwischen den Schauplätzen des Kirchentags auf dem Weg. Als ich die dann Festung finde, hallt es fast durch die Gewölbe. Hören will ich das Podiumsgespräch „Big data – Die Vermessung des Lebens“ u.a. mit Ingo Dachwitz. 15 Personen schaffen es mit mir zu einem hochkarätigen Panel, das in Berlin und anderswo ganze Hallen füllen würde. Beim Kaltgetränk im Festungsgarten versuchen die Referenten die Enttäuschung nicht allzu groß werden zu lassen und treten dann die Flucht zurück nach Berlin an.

Ich schaue noch bei einer Veranstaltung auf der „Flusi“ rein, in ähnliches Bild. Liegt’s inzwischen am schönen Wetter? Bei der Vorstellung von GODSPOT, die nur auf dem Weg liegt für mich, zum #twigo: Vier Personen, kein Beamer. Man schaue gerade mal, wo der ist. Suutsche.

Dann endlich Action: Twittergottesdienst. Meine Jungs pünktlich, ordentlich Lampenfieber. Ich habe keine Ahnung, wie viel über Twitter reinkommt. Getrommelt und jeden, den wir nur kennen, angehauen, mitzumachen, digital und vor Ort. 

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Und so sitzen in der Wallonerkirche dann auch genügend Menschen und twittern mit. Es fühlt sich gut an, Teil dieses #twigo zu sein. Gemeinschaft mit allen Mitwirkenden, die wir ja alle sehr spontan und ungeplant zusammenkamen. Fast wie ein Gottesdienst-Smartmob. Nicht so smart, dass sich nach der Hälfte des #twigo, die Trolle, der Hass und Porno zwischen die Tweets mischen. Wir sehen es, können aber nichts tun. Auf die Social Wall kommen sie nicht, aber bei Twitter stören sie, geben dem digitalen Gemeinsamen einen faden Beigeschmack. Die Beteiligung ist gut, alles klappt – und „meine Jungs“ machen ihren Job klasse! Auch wenn ich nichts dafür getan haben, ein „Wir-Gefühl“ stellt sich ein und ein bisschen Stolz. Danke! Diese junge Generation gibt Hoffnung – ebenso geht es mir, wenn ich in die Beiträge unserer Social Media Reporter*innen durchschaue, die durch Berlin turnen. #1gutenachricht

Als das Adrenalin sinkt, sinke ich auf eine Bierbank an der Hauptbühne am Petriförder, denn jetzt kommt der große Elbaufschlag. Eine Lichtinstallation und eine Freilichtaufführung rund um Martin Luther in Magdeburg: Unseres Herrgott Kanzel. Ein bisschen Hafengeburtstag, ein wenig Mittelalterspektakel à la Kaltenberg (ja, auch ein Schimmel kommt vor). Man spürt das Engagement und die liebevollen Details, die dies- und jenseits der Elbe vorgeführt werden.

Viele Details entgehen mir vermutlich, den Aufmarsch der menschlichen 95 Thesen verstehe ich erst nach einem Post auf facebook. Ah, jetzt! Es ist ein komprimiertes, Mainstream-Spektakel, aber eins das ankommt, auch mich mitnimmt. Worauf wir wirklich warten ist aber die Schiffsprozession gegen 23 Uhr. Am Ende schippert die stolze „Flusi“ vorbei. Fotos und Videos sind im Kasten. Social Media Mission accomplished! 

Taizé. IMG_5367
Da war noch was, auf meiner privaten Agenda. Bisher blieb dann doch keine Zeit. Die St. Petri Kirche lockt zu später Stunde noch mit rötlich-warmen Licht. Ich mache also noch einen Schlenker. Runterkommen, sortieren, mitsingen – und sich wieder wie Anfang 20 fühlen. Und die Erkenntnis, dass ich durchaus singen mag, mich aber wohler fühle, wenn nicht zig Sopranos um mich rum klassische Kirchenlieder singen. Taizé-Lieder sind zurückhaltender, einfach leiser. Ein versöhnlicher Ausklang des Tages und der Tage in Magdeburg, zumindest für den Moment.

Dennoch, auch nach 1x drüber schlafen, bleibt ein Gefühl von Enttäuschung und Frust. Ich hatte überlegt, ob ich noch spontan nach Berlin fahre, am Samstag, um ein wenig echten Kirchentags-Spirit zu schnuppern. Wittenberg zum Kirchentags-Abschluss hatte ich nie geplant. Jetzt fahre ich lieber heim, früher als geplant. Videos aus den Messehallen und Fotos vom Brandenburger Tor lockten mich dann doch nicht so. Messehalle bleibt Messehalle. Menschenmassen bleiben Menschenmassen. Was Magdeburg zu wenig hatte, wird Berlin zu viel haben.

Habe ich was verpasst? Vielleicht. Ich habe aber noch mehr das Gefühl, dass der Kirchentag etwas verpasst hat. Verpasst, die Menschen in Magdeburg einzuladen und abzuholen. Verpasst die Chance, das Thema #digitalekirche zu platzieren – am richtigen Ort. Ein Referent vom Freitag stellte die Behauptung auf, dass die Auslagerung nach Magdeburg ggf. Absicht war. Das unliebsame Thema Digitalisierung besser an einen fernen Ort verhungert. Aluhut oder ist was Wahres dran?
Verpasst wurde kirchliche Mitarbeitende zu motivieren, zu wissen, warum. Meine kirchliche Peergroup jedenfalls grollt sehr, nicht gesehen worden zu sein. Dass wir uns über die geschenkte Zeit miteinander freuten und unser Netzwerk noch dichter knüpften, war schön, aber das schaffen wir auch außerhalb eines Kirchentags – und die re:publica ist ja auch noch nicht so lange her.

Ich gebe zu, ich schaue mit einem externen Auge drauf.  Schaue, wie wirkt das? Es wirkte leider nicht. Wirkte eher hilflos. Es war der „inner Circle“, der sich traf und feierte. Den Festgottesdienst schaue ich mir jetzt im Stream an. Die Idee zur Weltausstellung nach Wittenberg zu fahren, habe ich noch nicht gänzlich begraben, das werde ich sicher im Sommer noch machen. Denn so richtig glauben, was ich beim Kirchentag auf dem Weg vom großen Reformationssommer gesehen habe, will ich nicht. Das war noch kein „Summer of Reformation“. Vielmehr sehe ich eine Kirche und ein großes, teures Fest, das mich nicht erreichen konnte. Was habe ich gesehen? Vieles von dem, was ich unter „erwartbare Kirche“ subsummieren würde. Zu wenig von den schönen Momenten und auch die waren eher „erarbeitet“.

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Du siehst mich. Hat es die gesehen, die nicht von sich aus schon hinschauen wollten in Magdeburg? Nein. Der Blick ging zu sehr nach innen – zu wenig darüber hinaus.

Ob ich einen neuen Kirchentags-Anlauf in Dortmund zum #dekt19 wage?

2019 läuft mein Projektvertrag aus: Wir werden sehen…

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