Social Media. So 1500er. #PIEHM

Was hat Social Media mit dem Mittelalter zu tun? Gab es das schon?
Ja, gab es. Hieß nur anders und sah auch anders aus. Spätestens als ich die Werbepostkarte mit der #pilgerpussy in meiner Kneipe um die Ecke entdeckte, war klar: Beim nächsten Lübeck-Besuch schaue ich mir die Sonderausstellung: PIN IT! Social Media des Mittelalters im Europäischen Hansemuseum an. 

 

In Kooperation mit dem Zeeuws Museum, Middelburg (Niederlande) werden im Burgkloster über 250 sog. Tragezeichen, die Buttons/Pins des Mittelalters, gezeigt und erläutert. Sie waren zwischen dem 14. bis 16. Jahrhundert die ersten bildlichen Massenmedien, die man sich aus Blei-Zinn-Legierungen ans Revers, Hut oder andere Kleidungsstücke heftete, um ein Statement, also eine Statusmeldung, abzugeben. So wird auch der schnell der Brückenschlag zu heutigen Emojis und Emoticons klar. Kommunikation mittels Symbolen und Zeichen. Hat damals wie heute funktioniert. Nur die Deutung ist rückblickend etwas schwieriger, aber dank eines Katalogs bleibt man zwischen der ausgestellten Bandbreite von heilig-religiös bis derbe-obzön nicht verloren oder kontextlos zurück. Vielmehr wundert man sich, wie direkt männliche und weibliche Geschlechtsorgane inszeniert und abgebildet wurden. Mit der Lupe in der Hand könnte man an den Schaukästen zuweilen hochrote Ohren bekommen ☺️. Pubertäres Gekicher kann auch nicht ausgeschlossen werden.

Moralvorstellungen, Werte und Normen, die gesellschaftlichen Do’s und Don’ts, die Likes und Dislikes der jeweiligen Zeit wurden mittels der Tragezeichen in allen Bevölkerungsschichten hindurch kommuniziert. So wurden, z.B. einer Frau auf Wanderschaft, einer Pilgerin gemeinhin andere Ziele unterstellt als einem männlichen Pilger. Schaut man sich daraufhin die Tragezeichen an, waren das definitiv keine religiösen, spirituellen Motive. Weshalb die #pilgerpussy-Werbepostkarte im Kontext der Ausstellung dann auch gar nicht mehr „so gewagt“ ist, wie ich es im Vorfeld in einem Tweet las. Man nutzte die Tragezeichen also auch als moralische Kontrollzeichen, aber auch zur Unterhaltung seines Gegenübers –  was wiederum manche Überzeichnung erklärt. Beeindruckend detailliert kommen sie daher, mit viele Verzierungen und aufwendigen Schnörkelungen.

Version 2
Da können heutige Emojis nicht wirklich mithalten und wirken geradezu plump. Welche Rückschlüsse werden in hundert Jahren wohl aus  💩🍆 oder 😱 auf unsere Zeit gezogen?

Aus der Mode sind Buttons/Pins seit dem Mittelalter jedenfalls nicht gekommen 👍 und die Ausstellung definitiv einen Besuch wert.

PIN IT! Social Media des Mittelalters, Europäisches Hansemuseum Lübeck
Noch bis zum 6. August 2017 
#PIEHM

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