Von papiernen Tweets oder Jacob will nicht ins Internet

Von wegen „die Jugend“, geschweige denn „die Kinder“ hätten keine digitale Medienkompetenz! Stimmt nicht. Denn noch immer bin ich ganz hin und weg von dieser einen Begegnung beim Hamburger Reformationsfest.


Diesem Moment als Jacob*, ein aufgeweckter Junge, vermutlich 4-5 Jahre alt, in kurzen Hosen, Sandalen, T-Shirt, mit Basecap und Brille am Infocounter stand und nach unseren Ahoi-Bonschen fragte. Für die Aktion „Sweets for Tweets“ gab es als Backup vorbereitete Zettel, um auch den Late- oder No-Adoptern die Teilnahme an dieser Social Media-Aktion zu ermöglichen (dazu aber später mehr).

Dass Jacob (noch) kein eigenes Smartphone hat, ist hoffentlich klar. Sein „Tweet“ war ein gemaltes Bild von der Musikbühne in der HafenCity, mit Sonne und Wolken. Ich erklärte ihm, dass er gern noch seinen Vornamen und sein Alter drauf schreiben kann, wenn er mag! Dann würde ich es fotografieren und ins Internet hochladen, damit es auf die Social Wall, hinter mir im Container zu sehen, käme. Er überlegte und flitzte dann erst mal samt Bild zu seinen Eltern, um zu fragen, ob das mit dem Namen okay wäre. War es. Das Bild bekam also noch seine Signatur. Dann gab er es mir zum Fotografieren und erhielt die versprochene kleine Tüte Bonbons. Sicherheitshalber fragte ich nochmal, ob das Bild nun fertig wäre und ich es dann einstellen dürfe? Er überlegte wieder. War sichtlich hin und her gerissen, wenn man in seinem Alter davon sprechen kann und verneinte schließlich. Nein, das Bild solle doch nicht ins Internet. ER wolle lieber nicht ins Internet. Nahm sein Bild und spurtete los, auf und davon. Punkt. Natürlich würde ich hier gern sein Bild einbinden. Aber es gilt nun mal das Recht am eigenen Werk und sein Einspruch wider die Veröffentlichung gilt.

Symbolbild - nicht von Jacob!
Symbolbild – nicht
von Jacob

In der Essenz war es ein Dialog, wie er an dem Tag an den Magellanterassen häufig geführt wurde, als die Besucher des Reformationsfestes gebeten und durch sog. Walking Acts „animiert“ werden sollten, heutige gesellschaftliche, politische oder ganz persönlich Missstände und/oder Thesen á la Martin Luther zu verfassen und direkt zu tweeten. Alternativ auch einfach etwas vom Fest zu posten und dabei den definierten Hashtag zu verwenden. Doch die Hürden waren wohl (noch) zu hoch: Entweder waren die Angesprochenen gar nicht „social“ unterwegs, wollten sich nicht im kirchlichen Kontext des Festes im eigenen Netzwerk zu erkennen geben oder scheuten prinzipiell ein gesellschaftliches, politisches Statement im Netz. Mit der Krücke jener kleiner vorbereiteter Zettelchen, die beschrieben oder bemalt für Instagram und Twitter fotografiert und auf dem offiziellen Account dann hoch geladen wurden, kamen nach einigen Anlaufschwierigkeiten doch knapp 300 Beiträge zusammen.

Paper Tweets

Diese Hybridlösung ist kein (kirchliches) Unikum! Es gibt zahlreiche digitale Handreichungen – in beide Richtungen. Ich denke da z.B. an die Werbung für das Ausdrucken von Digitalfotos. Was für eine verrückte Erfindung, *not*! Oder den Tweetdrucker bzw. das gedruckte WhatsApp-Chatbuch.** Echt jetzt? Für die Besucher des Festes war es eine praktikable Lösung, für uns ein Zugeständnis – aus und in die digitale Zwischenwelt.

Natürlich gilt: Was einmal im Internet steht, bleibt auch dort und lässt sich auch so leicht nicht wieder löschen und bei jeder Bewegung im Internet sollte man sich gut überlegen, was man dort (aktiv) hinterlässt. Umso erstaunlicher – oder eben gerade nicht – dass die Flüchtigkeit von Apps und Plattformen, z.B. bei Snapchat, Instagram Stories oder den WhatsApp-Statusmeldungen nicht als Chance wahrgenommen wird. Dass Momentaufnahmen/Schnappschüsse „einfach verschwinden, sich verflüchtigen“ führt, so meine häufige Beobachtung, v.a. bei denjenigen, die sich nicht täglich und selbstverständlich digital bewegen, gern zu einem Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Wertminderung des Inhalts. Nur konsequent erscheinen dann Fragen: Kann man das sichern? Kann man das speichern? Überspitzt also: 1x das Internet ausdrucken, bitte! Evoziert sicherlich vom Gefühl des Verpassens und dem Wunsch des Bewahrens, weil man sich in dieser Sphäre eben nicht täglich oder gar nicht bewegt. Dass es eben nicht für immer gedacht/gemeint ist, lässt sich scheinbar nur schwer vermitteln.

Über die Flüchtigkeit der Kommunikation als nächste Entwicklungsstufe im Web oder gar dritte Art des Web, auch als „Ephemeral Web“ bezeichnet, schrieb Wolfgang Lünenbürger schon 2015 in seinem Blog „Haltungsturnen“ und sprach begründeter Weise darüber auch in seinem Vortrag zum Thema „Digitale Kirche – Ist die Kirche ein soziales Netzwerk oder sind die sozialen Netzwerke die neuen Kirchen?“ der Reihe „Digitaler Stresstest“ in Norderstedt, den ich Mitte Juli besuchte.

Wie schwer sich die Generation > 50 nicht nur mit Empheral Media an sich tut, sondern mit Digitalität insgesamt, zeigte die anschließende Diskussion, die kurzeitig hochkochte bei der Bewertung bzw. Abwertung digitaler Kontakte bzw. Beziehungen. Seien doch die Begegnungen und Gespräche „Auge in Auge“, kurzum in der realen Welt, viel schöner, wertvoller. Dieser Aussage begegne ich im kirchlichen Kontext regelmäßig, aber sie krankt in ihrer Grundannahme. Wie so viele, die sich online bewegen, unterscheide ich nicht zwischen meiner realen, echten Welt und der digitalen, in der Logik also „unechten“ Welt. Vielmehr ist das Digitale für mich eine Erweiterung meines Lebensraumes. Meiner LebensREALITÄT, die glücklicherweise andere Facetten und Kreise, Beziehungen und Netzwerke abdeckt, aber deshalb sind diese Kontakte, Dialoge und über die Jahre gewachsenen Beziehungen nicht weniger real, geschweige denn weniger „wertvoll“ für mich. Dieses künstlich kreierte Paradox mag sich, hoffentlich bald, mit dem Generationswechsel, auch unter den kirchlichen Mitarbeitenden, von selbst überholen. Denn die Frage, ob etwas real oder digital ist, werden jüngere Generationen erst gar nicht mehr verstehen.

Ich wiederum mag mir vorstellen, dass in einigen Jahren ein junger Erwachsener namens Jacob sich ganz selbstverständlich und immer noch genauso reflektiert in den sozialen Medien bewegt und von seinen Begegnungen und Momenten z.B. auf einem Kirchentag irgendwo in Deutschland twittert, bzw. das soziale Netzwerk nutzt, dass dann für Events gerade angesagt ist.

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* Name geändert

** Update (15.8.2017):
„Das Internet zum Ausdrucken“ – Artikel von t3n.de über weitere Dienste, z.B. wie man Instagram-Fotos auf Marshmallows druckt. Die Fototasse 4.0 lebt.

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