Wider den Autopiloten im Kopf – #bcki17

Die Regionalbahn nach Kiel braucht genauso lang wie der ICE nach Berlin. Trotzdem war ich erst zwei Mal in Kiel. Warum, kann ich nicht sagen. Umso besser also, dass ich mich dem Barcamptourismus Hamburg – Kiel am vergangenen Samstag angeschlossen habe und aus gewohnten Bahnen, #indenechtenNorden, aufgebrochen bin. Denn dafür sind Barcamps wie das #bcki17 ideal.

Sowohl die Vorstellungsrunde als auch den Sessionpitch hatte ich ÖPNV-bedingt verpasst, war also auf das Sessiongrid und die Twittergemeinde angewiesen. Ein wenig mitgelesen hatte ich schon am Freitag und konnte Highlightsession wie „Schlechte Werbung“ schon zuordnen. Meine Bilanz insgesamt: Volltreffer. Kein Fehlgriff, kein Ausfall. Aber nun im Einzelnen.

Zielstrebig setzte ich mich zunächst in eine klassische Social Media Session von Jakob Strehlow zu „10 dumme Fehler bei Facebook Werbung, die du unbedingt vermeiden solltest“. Großes Lob und Dank für Tipps und Tricks! Ich werde weiter testen, testen und nochmal testen! Auch seine zweite Session, die er als offene Fragestunde rund um Social Media anbot, war hilfreich. Fast täglich gibt es nicht nur bei Facebook eine neue Funktion oder wird etwas Altes abgeschaltet. Da heißt es am Ball bleiben und sich untereinander austauschen. Wie sehr der weniger berühmte Instagram Algorithmus Blogger*innen zuweilen zusetzt und 3 Wochen „Pause“ mit 1 ½ Monaten Nacharbeit abgestraft werden können, rückte das Influencer Business für mich nochmal in ein anderes Licht.

Anderes Licht. Andere Sichtweise und einfach mal den Autopiloten im Kopf abschalten. Das gilt für Barcamps insgesamt und ist nach wie vor das, was mich so reizt. Die Richtung wechseln, eine andere Perspektive einnehmen. Erst vor zwei Wochen habe ich das wieder gemerkt, als ich a) statt ins Kajak, auf ein SUP gestiegen bin und unsere gewohnte Strecke auf den Alsterkanälen aus höherem Blickwinkel gesehen habe. Und b) mein Vorschlag die „kleine Runde“ mal andersherum zu fahren, zunächst ein „So fahren wir ja nie“ hervorrief. Eben drum!

Dass man den anderen Blick auch Lernen bzw. Üben kann war Thema der Session von Lutz Lungershausen zu „Kreativität auf Knopfdruck“, in der er uns vorführte wie man Denkmuster und Fixierungen im Kopf überwinden kann. Drei Fixierungen gilt es dabei sprachlich oder visuell zu durchbrechen:

  1. Funktionale Fixierung (ein Bügeleisen ist mehr als ein Bügeleisen und kann auch ein Blumentopf oder eine Bratpfanne sein)
  2. Design Fixierung (alle Autos sehen irgendwie gleich aus, alle Handys sind irgendwie eckig. Die Folie mit dem sechsbeinigem Pferd ist leider zu unscharf).
  3. Zielfixierung (mit einer Schere kann ich nur etwas abschneiden, oder?)

Dann stellte er uns die Brainswarming-Methode vor, die ich gern mal im Job ausprobieren möchte, denn wie oft saß ich schon in sog. Brainstorming-Runden und es kam gefühlt nichts bei rum. Vielleicht liegt’s schlicht an der Methode. Der Schlüsselsatz seiner Session war für mich dieser:

Ideenfindung strikt trennen von der Ideenbewertung
Lutz Lungershausen

Bewerten. Ein heikles Thema. Sich davon lösen, gleich alles zu kategorisieren und in gut vs. schlecht aufzuteilen. Natürlich ist das hilfreich und absolut notwendig bei der Komplexität unserer Welt. Dennoch sollte man auch mal unbewertend, ohne die üblichen Kistchen im Kopf denken bzw. wahrnehmen.

Das fiel mir direkt in der Session von Elke Boers auf. Sie bietet regelmäßig eine Session zu WeChat an, aber erst jetzt passte sie in meinen Timetable.

wechat-logo-previewWeChat ist eine chinesische App (gegründet 2011 von TENCENT, mit aktuell 938 Mio Nutzern im Monat, 100 Mio außerhalb Chinas) für ALLES, was wir hierzulande in zig Apps, Websites, Plattformen und Diensten verteilt vorfinden und nutzen. All das bündelt WeChat in einer Anwendung. Ist also Tinder, Online-Shop, Bankingtool, Taxiapp, Lieferdienst, Game, Fitnessstudio, Jobbörse, Messenger, nicht zu vergessen auch Telefon und wohl noch soviel mehr.

Kontaktfunktionen wie die „Flaschenpost“ à la „Mal gucken, wer meine Nachricht im Digitaleozean findet und antwortet“ oder das „Kontakte schütteln“ führten zur Erheiterung im Publikum, die Abschottung bzw. strikte Trennung der chinesischen bzw. nicht-chinesischen WeChat-Universen wiederum zum hibbeligen auf dem Stuhlrumrutschen. In chinesischen Expat-Communities stellen sich Firmen, Restaurants und Hotels auf diese eine App ein und bieten ihre Services dort bequem und selbstverständlich für ihre Gäste an. Das ist convenient, vom Nutzer ausgedacht. Smart!

img_7430-e1502804574181.jpgAuch das On- bzw. Offline-Payment bei WeChat denkt potenzielle Nutzungshürden gleich mit. So brauche ich eben kein WLAN immer und überall, sondern kann mich darauf verlassen, das meine Transaktion beim Gemüsehändler gespeichert (via Austausch von QR-Codes. Sie haben also doch eine echte Funktion) und dann ausgeführt wird, sobald wieder Netz vorhanden ist.

Elke Boers und das fand ich richtig gut, stellte die Optionen und Funktionalitäten wertneutral vor. Bis zur letzten Folie, als die Unruhe der Zuhörer schon zum Greifen spürbar wurde. Eine Anwendung durchdringt alle Lebensbereiche, ermöglicht den Zugriff auf alle Daten des täglichen Lebens. Eine App ermöglicht die 360-Grad-Bewertung des Individuums. Die schaurige Kehrseite! Die gemurmelten Reaktionen waren entsprechend: „Das darf nicht sein!“ „Was für eine Missbrauchsgefahr!“ „China halt!“, „Gehört WeChat dem chinesischen Staat?“, um nur einige zu nennen.

Aber es ist.

Wenn man aus gewohnten Denkmustern ausbricht (Aspekte wie Datenschutz, Monopol und Überwachung mal kurz wegschiebt, ja nur kurz) und sich allein mit den Möglichkeiten beschäftigt, ist es ein überaus attraktives System, v.a., weil es an die Bequemlichkeit der Nutzer nicht nur appelliert, sondern sie vorwegnimmt. Und es gibt mindestens einen Vorgeschmack auf das, was auch westliche Giganten wie Facebook und Google bereits weiterdenken und entwickeln, um alles dafür zu tun, damit ich ihre Online-Welt nicht mehr verlassen muss, siehe z.B. den Launch des Facebook Marketplace in dieser Woche.

Zur Sicherheit: Ich befürworte das in keiner Weise, habe die gleichen (mentalitätsbedingten?) Bedenken und Sorgen, wie viele der anderen Sessionbesucher in Kiel auch, dennoch finde ich es wichtig sich zunächst wertneutral mit den Möglichkeiten zu beschäftigen, bevor ich in die Bewertung gehe. Und da musste auch wieder an einen Wortbeitrag bei der Tagung „Digitaler Wandel“ zurückdenken (von wem kann ich leider nicht rekonstruieren): „Es muss möglich sein, das Digitale in Kirche zu denken, in jedem Bereich – ohne Schranke im Kopf!“  

Noch eine kleine Schleife zum Schluss: Am 7. September 2017 startet (endlich) „Der Circle“ nach Dave Eggers Roman in den deutschen Kinos. Eine (Job-)Welt, wie ich sie mir garantiert nicht wünsche, aber ein Szenario, mit dem man sich auseinandersetzen sollte. Denn es ist denkbar! Auch in Bezug auf Zukunftsszenarien und die Frage in welcher Gesellschaft wir leben wollen, gilt, den eigenen Autopiloten ab und an mal aktiv auszuschalten.

Das Barcamp Kiel hat das (wieder) möglich gemacht!

bcki-logo-2017-weiss

 

 

 

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