CommunityCamp Berlin: Alles cool?

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Nur zwei Wochen lagen zwischen dem Barcamp Kirche online und der Jubiläumsausgabe des Community- und Social Media Barcamps in Berlin. In Köln immer noch eher die Frage „Wie kriegen wir Kirche ins digitale Boot?“ während sich beim #ccb17 vieles um die Frage drehte „Wohin steuert Social Media und das Community Management samt Online-Marketing?“ und vor allem „Wie steuern wir dieses Boot aktiv?“
Mein Plan bei Anreise war dieser: Keine eigene Session halten und das Twittern wollte ich dieses Jahr dosierter gestalten, um mal ganz oldschool mit zu schreiben  und zuzuhören. Kein Multitasking-Stress. Zurück zu meinem Jahresmotto „Weniger ist mehr“ und in diesem Sinne Dinge sein lassen. Das Sessiongrid war Dank 250 BarcamperInnen schnell gefüllt und auf hohem Niveau.
Was habe ich mir rausgepickt?

  • Rechtsupdate 2017 von Thomas Schwenke. Ein Must-Have und in diesem Jahr sogar mit Sitzplatz auf der Fensterbank. Die Folien gibt’s bei Slideshare. Must-Read!
  • Unternehmenseigene Plattformen von TanjaOnTour und ein aktives Community-Management mit der Follow-up-Session vom Motor-Talk.de zur Frage: Wie gesund ist die Community wirklich?
  • Der durchleuchtete Fan mit 3D-Flug durchs Facebook-All mit Stefan Eyl von facepagekarma und einigen bitteren Pillen, was die Reichweite und das Zielgruppenmarketing betrifft. Die Schlüsselfolie der Session hieß: Wer interessiert sich für dein Produkt? Antwort: Niemand & deine Mutter. Noch Fragen? Diese Session würde ich zu gern vor einem kirchlichen Publikum hören und die Reaktionen auf die Datenerhebung, Personas und Verwendung beobachten wollen.
  • Einführung in Pinterest als Traffic Lieferant, die meine Meinung zur Plattform um, sagen wir ca. 120 % gedreht hat. Danke an Suse Ermes!
  • Eventfotografie von Michael M. Roth, der auch für die Barcamp-Fotos sorgte und die Atmosphäre toll einfing.

Die Sahnehaube auf meinem Barcamp-Kuchen, auch wenn ich von der realen Geburtstagstorte fürs #ccb17 leider nichts abbekommen habe (mennö!), wurde mir in der letzten Session kredenzt. Sturm Herwart wirbelte an diesem Wochenende einiges  durcheinander und so verkürzte ich den Sonntag in Berlin, um mit Bus statt Bahn überhaupt noch nach Hamburg zurückfahren zu können. So hatte ich dann Zeit, um über diese Session und v.a. die Diskussion nachzusinnen.

IMG_8491.jpg
In der Session „Wie cool ist das Amt?

„Wie cool ist das Amt? Und sind wir überhaupt cool?“ war der Session-Titel, der von den Social Media-Managerinnen der Landesregierung Baden-Württemberg gefüllt wurde. Jana Höffner präsentierte ihre Aktivitäten und Strategie der abgestuften Information von der Website als zentralem Infopoint über die Seite des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei Facebook, Twitter, Instagram und YouTube und berichtete von ihrer 2-Woman-Show mit Fullservicepaket (Konzept, Dreh, Postproduktion, Distribution) bis in die Ministerien hinein, das aber nur sehr vereinzelt in Anspruch genommen würde. Schwierigkeiten der interne Abstimmung, Vorbehalte gegenüber Social Media und Sprachregelungen blitzten nur in Nebensätzen auf. Aber a) war es ja kein Hintergrundgespräch und b) kann man es sich denken.

Schnell tauchte das Plenum in die zum Teil sehr ungnädige Bewertung der Kanäle samt ihres Contents ein. Es sei doch alles recht dröge, zu informativ, rein sachlich formuliert und eben wenig unterhaltsam. Man formulierte Vorschläge wie „Macht am Weltkatzentag doch mal ein Foto des MP Kretschmann mit Katze auf dem Arm! Das funktioniert bestimmt!“ und hängte die Entertainment-Latte mit jedem Satz höher. Dass der Regierungsauftrag an einen Informationsauftrag gekoppelt ist und dieser zwangsläufig nicht nur inhaltlich, sondern auch den Stil prägt und Vorgaben generiert, ließen die Diskutanten nur bedingt gelten. Die Erwartungshaltung an ein Unternehmen und eben auch an eine Regierungseinrichtung geriet mir dabei mit dem Anspruch „Ihr müsst cool und unterhaltsam sein“ zu sehr durcheinander.

Version 2
Sketchnote aus der Session „RitterSport Einhorn– Strategie trifft Hype“ by Voycer

Eine Landesregierung hat nicht den Auftrag seine BürgerInnen zu unterhalten. Das Kerngeschäft ist ein anderes: Auf den Social Media-Kanälen will ich kanalpassend über die Arbeit der Regierung informiert werden. Das darf gern lockerer im Ton sein, aber bitte ohne Pappnasen, Tröte oder Katzen. Es sei denn es geht um die Einführung einer Katzensteuer. Natürlich spricht nichts gegen GIFS & Co., aber dosiert und passend zur sonstigen Regierungskommunikation. Bei aller User-Orientierung auch in den sozialen Netzwerken: Nicht alle haben alle Freiheiten und es können eben auch nicht alle ein „RitterSport Einhorn“ sein.

Müssen denn alle cool sein, auch wenn sie es „von Amts wegen“ schlicht nicht sind? Ist das nicht das Mißverständnis von dem es sich zu befreien gilt? Hanna Jacobs brachte das Dilemma vor knapp 3 Wochen in ihrer Kolumne in Christ& Welt für die politische Sphäre und die Kirchenwelt wunderbar zusammen und auf den Punkt:

…denn ähnlich wie politische Parteien bewirkt Kirche oft genau das Gegenteil, wenn sie sich bemüht cool zu sein.

Auf einer Social Wall der EKD zum Hashtag #Reformationstag liefen rund um den 31. Oktober die Social Postings zusammen. Wenn man dort hindurchscrollt, sieht man die Vielfalt der kirchlichen Aktivitäten rund um die 500 Jahr-Feier und die Bandbreite kirchlicher Kommunikation auf allen Ebenen. War etwas dabei, bei dem ich sofort gedacht habe: Cool?!! Nein. Auch wenn der Grad der Professionalität stark variiert (DARAN sollten wir arbeiten) indes, Coolness habe ich nicht gefunden und:

Das ist vollkommen okay! Denn „cool“ ist nicht das Label und Wesen von Kirche oder des Reformationsjubiläums.

Was ging für mich in diesem Kontext komplett daneben? Da wäre für mich das Video „Der Boss aus Wittenberg“ über das Erik Flügge schreibt:

„Ich fordere sie auf, befassen Sie sich mit den neuen Medien. Nicht halbherzig. Nicht peinlich. Nicht mit einem Theologen-Rap über Luther auf YouTube. Sondern ganz und gar und mit Hilfe von Leuten, die das wirklich können.“

und das EKD-Video: „Du hast frei“. Wer hat bei Letzterem bitte bei der Abnahme nicht aufgepasst und rechtzeitig STOP gesagt? Das muss doch jemandem auffallen – oder etwa wirklich nicht?

Ich hätte da eine Bitte, nein zwei: Können wir, gerade in Einrichtungen und Institutionen, denen nicht der Ruf als „Early Adopter“ oder „Trendsetter“ vorauseilt, bitte aufhören, so unbedingt cool sein zu wollen? Und uns daran erinnern, wie wir in der Schlussphase der Pubertät langsam begriffen, dass die „Coolen von der Schule“ a) auch nur Menschen sind und die gleichen Probleme haben wie wir und b) wir dieses Etikett nicht brauchen, um uns zu definieren. Und können wir bitte aufhören zu denken, dass alle Kommunikation in Social Media mit Konfetti bestreut werden muss, auch dort wo kein Glitter hingehört?

Das wäre nicht nur entlastend, sondern schafft Platz für das, was hoffentlich uns allen als Social Media und Community Managern wichtig ist:

Berliner Kneipenschild: INHALT

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “CommunityCamp Berlin: Alles cool?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s