Jugend, verzweifelt gesucht!

Jugend als Zielgruppe. Nicht nur von der Kirche heiß umworben. Der Grat zwischen gut gemachter und peinlicher Kommunikation ist schmal. Ein Thema, das ich hier schon mal aufgegriffen habe und nun erneut hervorhole. Der Grund, ein Artikel bei STERN online: Liebe Kirche, ihr habt da was falsch verstanden

Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Kommentar von NEON-Redakteurin Jule Schulte dann am Ende gelesen habe, wieder und wieder, um zu verstehen, was darin für Unmut in meiner Kirchenbubble sorgte, erst bei Twitter und später auch bei Facebook. Da ich zu dem Zeitpunkt keine Luft zum mitdiskutieren (wenn dann richtig), blieb ich stumm bzw. las nur mit. Aber so recht lässt mich der Text nicht los, wohl auch, weil an diesem Wochenende das erste Social Media Barcamp der Nordkirche stattfindet, mitorganisiert vom Jugendpfarramt. Die Jugend als Zielgruppe, also.

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Jule Schulte: Liebe Kirche, ihr habt da was falsch verstanden (Screenshot des STERN Artikels vom 16.1.2018)

In ihrem Artikel wundert sich die Redakteurin über die bemühte, so unnatürlich wirkende Jugendsprache von Kirche, die ihr auf einem Plakat in Berlin entgegenspringt. Auch ist sie vehement gegen ein proaktives Engagement von Kirche im Internet und in den sozialen Netzwerken (also dezidiert gegen meinen Jobauftrag!) und doch fühle ich mich von ihrem Artikel null auf den Schlips getreten, denn für mich gibt es zwei Schlüsselsätze in ihrem Text:

„Wir müssen nicht auf die Kirche aufmerksam gemacht werden. Wir sehen euch. Gefühlt an jeder Straßenecke – und kommen trotzdem nicht.“

und

„Konzentriert euch auf das, was ihr könnt. Ruhe, Gemeinschaft, Besinnlichkeit. Das kann auch die Generation Internet ab und zu mal gebrauchen.“

Ersteres ist natürlich bitter, kratzt an der eigenen gesellschaftlichen Bedeutung(slosigkeit), aber ist nun mal zunehmend Fakt. Ob „die Kirche“ das wirklich hinnehmen muss, ist eine zweite Frage. Sie beschreibt, was sie sieht, wie sie es wahrnimmt. Mehr noch: Auch die vielbeschworenen Kirchenfernen wissen, dass sie kommen könnten, dass Kirche dann da ist. Das reicht. Punkt. Ende der Diskussion. Andersherum formuliert: Kirche wird gesehen, das Angebot, das Dasein wird wortwörtlich wahrgenommen – auch wenn kein akuter persönlicher Bedarf an Teilhabe oder „Nutzung“ der „alltäglichen seelsorglichen Leistungen“ wie Kilian Martin es kürzlich nannte, besteht. Kirche ist da, erreichbar. Beruhigend. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die zweite Passage ist für mich kein WLAN- oder Social Media-Verbot per se für kirchlich aktive, kirchlich involvierte Menschen. Eher der Hinweis, dann doch bitte nicht auch noch in das digitale Gebrüll, das uns täglich im Netz und der Welt entgegenschallt einzustimmen – eben verbunden mit der häufigen Fehlannahme, die Jugend strömte dann in Scharen in die Gotteshäuser. Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 2016 als ich aus vielen Pastorenmündern (ja, kein großes „I“) durchaus ernst gemeint hörte, wie schade es doch sei, dass man keinen Pokémon am Altar platzieren könnte, dann würde „die Jugend“ endlich in die Kirche kommen.

„Kamen denn Jugendliche zum Instawalk in die Kirche XY?“, wurde ich während einer Barcamp-Session mal gefragt. Nein. Natürlich nicht. Anzunehmen, Jugendliche hätten Lust auf eine Kirchenführung, nur weil man dabei Fotos und Videos machen kann, ist der gleiche Pokémon-Fail, wie oben beschrieben.

Ich lese ihren Artikel viel mehr mit dem Tenor „Seid bitte nicht so verzweifelt auf der Suche nach der Jugend“. Denn: „Wir (sie) sehen euch“ und wenn die Zeit reif ist, kommt sie (die Jugend) vielleicht auch mal vorbei, wenn sie Kirche „braucht“.
Fair enough.

Heute sah ich ein ermunterndes Video der Ev. Akademie im Rheinland (eair) mit einem Jugendlichen, der mehr Präsenz von Kirche im Internet forderte. Für mich schließt sich beides auch nach diesem Artikel natürlich nicht aus. Aber bitte nicht aus Verzweiflung übergriffig werden und das kann eben auch eine anbiedernde Kommunikation sein. Während ich das hier tippe, diskutiert man auf Twitter gerade zu #jugendundkirche. Im Kölner Domradio ist heute nämlich Thementag „Kirche – ist da noch Jugend drin?“, was für ein Zufall! Ich bin gespannt, wie die Nordlichter beim #bcnordkirche das ganze diskutieren werden.

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