Die Zukunft der Religion ist grau: #zdr18

Um über die „Zukunft der Religion“ zu sprechen, hatten Die ZEIT und die ZEIT-Stiftung alle „Freunde des Hauses“ nach Hamburg für eine zweitägige Konferenz geladen. Die Referentenliste las sich exquisit und hatte Strahlkraft. Nur leider diskutierte man v.a. auf dem Podium zu #zdr18 – und im Publikum vermisste mal wieder die unter 40.
Version 2Der Eröffnungsabend in der St. Petri Kirche startete mit Verspätung, und es kam genauso, wie ich es vermutet hatte: Zwar hatte ich mich schon drauf eingestellt keinen Premiumplatz zu bekommen und traf eher kurz vor knapp in der Hauptkirche ein, aber lachen musste ich schon, als das Gerenne und Geschubse v.a. von den älteren BesucherInnen auf dem Weg auf die Empore begann. Das untere Kirchenschiff war voll besetzt, da sollte es doch zumindest ein Platz in der ersten Reihe oben sein. Ich mag ja diese Platzsuch-Dynamiken, gerade auch wieder in der Bahn erlebt. Zivilisierter Überlebenskampf. In den hinteren Reihen auf der Empore tummelten sich dann durchaus auch Studierende, junge Menschen, die mitschrieben und mittippten, während es im Altarraum losging. Viele Begrüßungen, um auch ja niemanden zu vergessen. Meine erste „Live-Hörprobe“ vom neuen Hauptpastor Jens-Martin Kruse fiel positiv aus. Viel Anklang fand auch das Statement von ZEIT-Geschäftsführer Dr. Rainer Esser zu den geplanten Schulschliessungen durch das Erzbistum Hamburg. Die Wiederholung am Tag drauf in der Bucerius Law School wiederum wurde mit einem Zwischenruf goutiert: „Ob man denn zum Kirchenbashing hier sei?“ Nein, sei man nicht.

Ich wollte v.a. den Festvortrag von Prof. Dr. Monika Grütters hören. Die Staatsministerin für Kultur und Medien referierte zum Thema „Wieviel Religion verträgt die Demokratie?“. Sie spannte einen guten Bogen zu aktuellen Diskussionen wie über das geplante Kuppelkreuz im Humboldt-Forum, belegte die zahlenmäßige „Entchristlichung unserer Gesellschaft“ anhand schwindender Mitgliederzahlen und sprach sich dennoch oder gerade für die prägende Kraft der Religion aus. Der Staat müsse nicht religiös neutral sein, weil die Religion durchaus demokratische Strukturen und Freiheit befördern könne, so ihre These. Unsere kulturelle Identität fuße in Deutschland auf dem Christentum und gehe weit über die Kirchenmitgliedschaft hinaus. Vielmehr sei zu fragen, wieviel Demokratie die (alle) Religion(en) denn vertrage(n)? Ein spannender Twist.

Die Leitfrage der gesamten Konferenz wurde eingangs von Evelyn Finger, Ressortleiterin „Glauben und Zweifeln“ formuliert:

„Wozu Religion, wenn es auch ohne geht?“
Evelyn Finger, DIE ZEIT

Dass sie explizit die Atheisten und Agnostiker im Publikum begrüßte, passte dazu gut ins Bild. Ein guter Einstieg in die Tagung, wenn auch wenig dialogisch. Da hoffte ich auf den zweiten Tag – und wurde trotz einer „Anwältin für das Publikum“ eher enttäuscht.

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#LIEBEDEINENNÄCHSTEN

Auch diejenigen anzunehmen, zu lieben, die uns feindlich gegenüberstehen. Darum drehte sich am 2. Tag der Auftakts-Impuls vom EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm.
Im Hörsaal: Ein Meer an grauen Köpfen oder auch all shades of grey. Das wundert nicht wirklich, war es doch ein Samstag. Früh um 10 und eine Tagung, die sich zwar um abwechslungsreiche Elemente bemühte hatte (Predigtslam, Musik von Stilbruch), dennoch war die Hauptzielgruppe eher unter den wohlbetuchteren und akademisierten ZEIT-LeserInnen zu finden. Schade.

Und ich war mit diesem Eindruck nicht allein:

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Mit Spannung erwartete ich den Beitrag von Jonas Bedford-Strohm, der eigentliche Grund, warum auch ich mich selbst zum Campus gequält hatte.

Wie übersetzt man diese Nächstenliebe in Zeiten von Fake-News und Hate Speech in die digitale Welt? Hate Speech sei kein Weltuntergang, so der Theologe und Digital-Experte, vielmehr sei die Frage, mit welcher Haltung man ihr begegnet. Ob man über das Schlechte jammere oder Impulse für das Positive setze. Zwischenapplaus erntete er für die Aussage, die ich auch vertrete, dass Alter kein Argument sei, sich nicht mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen.

tumblr_mu5frch9Fa1qhbw13o1_250Gewagt war seine Idee, seinen Impuls durchgängig mit GIFs zu illustrieren. Ich bin mir sicher, dass einige im Publikum noch nie zuvor ein GIF gesehen haben. Die Auswahl war sehr amerikanisch, und fraglich, ob viele der gezeigten Popkultur-Reminiszenzen vom Gros der Zuhörenden zugeordnet werden konnten. Mir hat’s gefallen, very entertaining! Nicht zuletzt, weil es seine Forderung nach einer „liebevollen Digitalität“ gut unterstrich und es genau den „freien Tanz“ vollführte, den er sich auch für die kirchliche Kommunikation wünscht. Ein schönes Bild, wie ich finde. Aber wer macht den (digitalen) Icebreaker in der Kirchendisco?

Das war auch schon fast die Überleitung zum Beitrag, oder wie Ulrich Greiner es nannte, die Laudatio auf Papst Franziskus durch die deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl: Annette Schavan. Bisschen viel Personenkult in ihrem Redebeitrag – auch für meinen Geschmack. Auch wenn ich diesem Papst doch einiges abgewinnen kann. Lebhafter – auch bei Twitter – wurde es dann bei den interreligiösen Podien ab mittags, zumindest habe ich es so aus der Ferne wahrgenommen. Auch wenn dies nur jeweils nur ein kleiner Ausschnitt des Programms und der Atmosphäre vor Ort ist. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es wieder eine dieser „closed shop“-Events war (für die man aber weder AbonnentIn oder Clubmitglied sein musste, um sich anzumelden), der viele (Jüngere), die an dem Thema Interesse gehabt hätten, dann letztlich doch nicht erreicht hat.

 

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