Gefangen in der Ermutigungsschleife

Im vergangenen Jahr habe ich mir direkt nach der Jahrestagung Netzwerk Öffentlichkeitsarbeit den Frust von der Seele geschrieben (→). In diesem Jahr nicht. Das hat auch was Gutes, denn die Tagung unter dem Titel „Gruß aus der digitalen Küche“ haben andere schon bestens zusammengefasst und so kann ich mit Abstand schauen, was wirklich hängen geblieben ist.

Es sind drei Zitate, die mir seitdem im Kopf herumschwirren:

Es ist fast Jahr her, seit dem letzten medial-kirchlichen Aufschrei von Hannes Leitlein, der die #digitaleKirche anschob und immer wieder befeuerte. Dass er als Speaker dabei war, war für mich das Highlight der Tagung. Er rekapitulierte die Diskussion, v.a. für diejenigen, die nicht so nah dran bzw. drin im Thema sind. Er kokettierte sehr sympathisch, dass er nach seinem Empfinden ja v.a. eingeladen worden sei, um zu meckern. Und legte los. Seine Präsentation kann man hier einsehen.

Dann fiel dieser Satz:

„Die Kirche tut als wäre sie ein ewiger Ladebalken.“

Hannes Leitlein, Christ & Welt

Das saß. Ein treffendes Bild. Es tut sich was, aber irgendwie steckt man doch bei läppischen 15 Prozent fest und fragt sich, ob man den Refreshbutton drücken sollte, nur um zu checken, ob sich im Hintergrund was tut. Denn so richtig geht es gefühlt eben nicht weiter. Genau dieses Reset-Dauergefühl habe ich bei vielen kirchlichen Events zur Digitalisierung. Ich mag die Zeitschiene gar nicht aufmachen, wann die 100% denn mal erreicht werden könnten.

Nach dem großartigen Impuls von Harald Schirmer von der Continental AG zu Working Out Loud und Change Management ging es in eine kurze frontale Abschlussrunde (leider mal wieder all-male).

Podiumsgespräch

Für die EKD sprach Dr. Ralph Charbonnier und schnell kam die Sprache auf den digitalen Strategieprozess, der in der EKD jetzt begonnen wurde und bis zur Synode im Winter 2018 in ein Papier münden soll. Hier muss man ja nicht bei Null anfangen, der digitale Kirchenschwarm diskutiert auf allen Ebenen und an vielen Orten – inklusive der theologischen Aspekte.
Ergo:

„Warum nutzt die EKD die Thesen, Ergebnisse und das Wissen von #digitaleKirche nicht?“

Christoph Breit, ELKB

Viele würden ihr Wissen sicher teilen wollen, mitarbeiten. Viele Köpfe in Erfurt nickten. Hoffnung auf Beteiligung. Doch mit der Antwort prallte diese dann hart auf den Boden der kirchlichen Realitäten und Denkstrukturen. Eine Tagung mit den Diskutanten, die das Thema öffentlichkeitswirksam in den Fokus nimmt, sei, so Charbonnier, derzeit nicht geplant. Man schaffe es bis dahin (bis zur Abgabe der Vorlage) nicht, alle an einen Tisch zu holen.

Ja, warum denn auch? Das muss man doch gar nicht. Vielleicht haben die beiden aneinander vorbeigeredet. Ich hoffe es. Aber ich fürchte, dass es sich hier um ein grundsätzliches Denkmuster handelt. Das Schwarmwissen derer abzuschöpfen, jenseits aller institutionellen Strukturen, ist bei Kirchens anscheinend nicht vorgesehen. Es ist ein Jammer. Bezeichnend auch, dass von der Person, die den Prozess anschiebt nichts hinhören ist. Oder sind das die berühmten Kamingespräche?

Auf dem Fachtag der Nordkirche zum Digitalen Wandel war ich sehr den Einlassungen Charbonniers angetan, sein Impuls dort war progressiv, dynamisch und forderte dazu auf, sich „ohne Schranken“ mit der digitalen Transformation zu beschäftigen und ethisch-theologische Antworten zu entwickeln. In Erfurt hörte ich eher eine Rollerückwärts. Lieber abwarten, nicht gleich vorpreschen. Zwar etwas wagen, aber gemach. Er wünsche sich Mut, aber nach Progessivität und Innovation klang das nicht.

Meine Grundstimmung an diesem Vormittag brachte in Nachhinein eine Teilnehmerin mit diesem Satz auf den Punkt:

„Diese Dauermutigung ist schon fast eine Zumutung.“

Natürlich gibt es eine Ungleichzeitigkeit der Wissenstände, der Haltung zur Digitalisierung und wie weit wir uns schon darauf eingelassen haben, privat wie beruflich. Doch die ewigen Ermutigungsschleifen, die mantraartig wiederholt werden, sind ermüdend. Vernachlässigen sie doch die Tatsache, dass viele „längst auf dem Weg sind“, um im Kirchensprech zu bleiben, und auch dieser Personenkreis dringend Zuspruch braucht. Aber eben nicht im Sinne eines „Wir testen das mal aus und sammeln wichtige Erfahrungen“. Es fehlt ein kirchliches Empowerment für diejenigen, die sich seit Jahren für das Thema Digitalität abstrampeln, große und kleine Digitalprojekte stemmen, längst ausprobieren und es vielen Widerständen zum Trotz wagen, immer wieder. Es braucht kein Schulterklopfen, aber jedes „Traut euch. Wagt es.“, das ihnen ins Gesicht schallt, ist zugleich auch ein kleiner Schlag ins selbige, dem man am Liebsten entgegenbrüllen würde:

Wir machen das doch schon!!1!!!

Ja, es braucht Mut, den Willen Neues auszuprobieren, die Fähigkeit auch ein Scheitern einzukalkulieren und dann weiterzumachen. Aber sich in den Ermutigungsschleifen zu verschanzen, vielleicht auch in der Hoffnung, die anderen gingen voran, wird eine Endlosschleife bleiben, bei der viele weder ins Karussell einsteigen, aber sicher viele wichtige Gestalter*innen aussteigen. Ich würde mir wünschen, dass auch diese kirchliche Zielgruppe bei der Digitalstrategie in den Blick genommen und berücksichtigt wird.

Denn #digitaleKirche ist schon!

Gruß aus der digitalen Küche
Weitere Gedanken und Zusammenfassungen zum #netzwerkoe18 finden sich auf der offiziellen Website des Netzwerkes.

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