Estnische Durchstarter

Auch in Tallinn hat sich die Kreativszene einen Standort jenseits der rausgeputzten Altstadt gesucht. Zwischen Altstadt und Hafen, hinter dem Bahnhof im Stadtteil Kalamaja (Fischerhaus) ist in den vergangenen Jahren das (digitale) Kreativzentrum Telliskivi Loomelinnak entstanden.

Coworking-spaces, Pop-up-Stores, Street-Food-Wagen, Restaurants, Craftbeer-Läden und Theaterbühnen schaffen ein gutes Klima, das den Vergleich zu Berliner Szenebezirken nicht scheuen muss. Nach dem offiziellen Blick auf die Digitalisierungsgeschichte von Estland im e-Showroom traf ich mich also mit George, einem Kenner der Startup-Szene.

Dass Skype ursprünglich estnisch ist, weiß ich seit Jahren. Es ist DIE Erfolgsstory der estnischen Startup-Szene bislang, auch wenn andere Nationen nach dem Kauf des Anbieters den Ruhm gern für sich proklamieren. Im neu gebauten estnischen  Nationalmuseum in Tartu kann man den Bürostuhl sehen, auf dem Skype zum Teil programmiert wurde. Dass das Backend von KAZAAR (na, wer kennt es noch?) dafür hergenommen wurde, war mir hingegen neu.

 

Aber welche Startup-Ideen sind gerade auf dem Sprung? George gab mir nicht nur einen klasse Einblick in die Entwicklung der Szene, die sich in den frühen Jahren der 2000er auch gern die „estnische Mafia“ nannte, sondern zeigte mir auch eine Auswahl  made in Estonia:

Unter www.startupestonia.ee findet sich das Who-is-Who der Startup-Szene Estlands, die sich wie überall bei Hackatons oder wie in diesen Tagen (leider hatte ich den Flug schon gebucht) zu Konferenzen wie der Latitude 59 trifft. Selbstverständlich lässt sich auch das  Fernsehen die estnische Variante der „Höhle der Löwen“ nicht entgehen und setzte Ahjujaht TV auf.

Kein Gespräch über Startups ohne das aktuelle Hypthema Nummer 1: Bitcoins, Kryptowährungen und Blockchain. Die Idee der ersten staatlichen Kryptowährung, dem ESTCOIN, gefällt nicht jedem wie man hier lesen kann. Aber dass die Esten auch hier einfach mal vorpreschen, passt nur allzu gut ins Bild bzw. zu ihrem Mindset.

Es sei eine sehr internationale Szene, die sich sowohl in Tallinn, aber auch in Tartu entwickle. Die Entwickler kämen gern nach Estland, es sei familiär und eben noch erschwinglich – ganz anders als im Silicon Valley.

Ob die Apps und Services denn die estnische Bevölkerung auch erreichen würden?
Es gäbe schon eine Art Tech-Blase, v.a. die russische Minderheit in Estland hätten die Entwickler oftmals nicht im Blick, genauso wie diejenigen, die eben nicht zu den digitalen Millenials gehörten. Aber die Bildungsangebote der Regierung, um die estnische Gesellschaft digital fit zu machen und mitzunehmen seien gut. Das helfe.

Auch wenn sich in deutschen Startups dieser Grundsatz längst durchgesetzt hat:

Done is better than perfect!

Die „Chakka-los gehts“-DNA ist uns hier nicht wirklich in die Wiege gelegt und die vielbeschworene digitale Transformation läßt in Deutschand gefühlt seit 20 Jahren auf sich warten. Das sei auch sein Eindruck nach einem längeren Aufenthalt in Deutschland gewesen. Woran das denn liege, wollte er wissen. Schwer zu erklären oder von außen nachzuvollziehen, aber wichtig als Hintergrund, wenn man mit einer Startup-Idee auf den deutschen Markt wolle. Das deutsche Sicherheitsbedürfnis als Chance für eine App wie Veriff? Ich drücke den Machern jedenfalls die Daumen!

Fail, but fail fast. Gegen die großen Plattformen und Services anzugehen, mache im kleinen Estland erst recht keinen Sinn. Da seien die Plätze längst vergeben – was sich im übrigen auch an der Social Media Nutzung zeigt. Facebook ist auch hier der unangefochtene Platzhirsch. Das Pinterest an Platz 2 liegt, finde ich überraschend und bemerkenswert.

Social Media Nutzung Estand / (c): StatCounter
Social Media Nutzung Estand 2018 – (c): StatCounter

Man versuche immer die Nischen zu finden, wie ja überall, und teste aus, was im estnischen Markt gebraucht wird und ankommt. Ganz bedarfsorientiert, um Probleme zu lösen. So sei auch Starship entstanden. Die Flotte der fahrbaren Roboter sind in Tallinn v.a. mit Lieferessen unterwegs. Schlichtweg weil die Lieferzeiten der Restaurants enorm lang und die Zuverlässigkeit ihrer Kuriere oftmals miserabel gewesen sei. Wartezeiten bis zu 2 Stunden und dann kaltem Essen wollte man abschaffen und so cruisen die Robterwagen auf sechs Rädern nun mit Pizza, Sushi und co. durch die Altstadt.

Ich bin sehr gespannt, welcher große Digitalcoup mal wieder aus Estland kommt.
Der Spirit ist da, das Tempo auch, immer mit dem gewissen estnischen Twist.

Danke, George für diese Einblicke!

Grafitti in Telliskivi Loomelinnak

 

 

 

 

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