Church first oder halten wir es aus?

Nach langer Pause war ich diese Woche mal wieder bei der wöchentlichen Andacht. Warum ich so selten hingehe, hat v.a., aber nicht nur, pragmatische Gründe. Mitten am Tag um 12.15 Uhr, da komme ich als später Vogel im Büro gerade mal in Schwung und gehe dann eben nicht direkt nach dem „Amen“ zu „Mahlzeit“ über.

Diese Andacht hängt mir nach, was gut ist. Trump traf Putin in Helsinki und die EKD hat sich mit einer Petition für eine humanere Flüchtlingspolitik in Europa endlich mal wieder herausgewagt und Stellung bezogen, öffentlich und digital.

Fragezeichen vorm Hamburger MichelWarum eigentlich nicht „Church first?“ –
fragte die Andachthaltende. Warum nicht „unsere Interessen“, „unsere Werte“ und „unseren Glauben“ voranstellen, über alles andere und uns damit abfinden, dass wir es nicht allen recht machen können? Und auch nicht mehr alle erreichen wollen. Provokant, sicher.

Hakt aber, neben den vielen Gegenargumenten, die ich nicht aufzähle, bereits an einer verkürzten Grundannahme:

Wie groß ist der vermutete Konsens innerhalb „der Kirche“ wirklich? Wird da nicht viel angenommen und stillschweigend vorausgesetzt? Dass wir allein schon alle das Gleiche und gleich intensiv glauben und gleichermaßen vertreten. Stimmt das?

Sofort musste ich an den Blogbeitrag von Hanno Terbuyken auf evangelisch.de vom letzten Sonntag denken, der der Frage nach einer Twitterdiskussion nachging, ob es nur : „Superchristen in der #digitalenkirche?“ gäbe?

In meiner Twitterbio steht #digitaleKirche als Hashtag, dieser prägt, schlicht, weil es mein aktueller, hauptamtlicher Job ist, diesen Kanal. Macht mich das zur „Superchristin“? Ich denke und hoffe nicht. Ja, hoffe. Aber die Annahme, dass ich qua Job eine solche sein müsste, begegnet mir sowohl intern als auch extern. Verrückt.

Auch für unsere internen Andachten gilt sicher:

Die Teilnahme an der gemeinsamen Frömmigkeit wird bei solchen Ereignissen vorausgesetzt …

Hanno Terbuyken

Ich lasse mich drauf ein, dosiert. Unterschiede aushalten. Eine so wunderbar kirchliche Formulierung, die ich auch in dieser Andacht wiederholt hörte. Aber wird das eingelöst? Halten „wir“ Unterschiede wirklich aus? Denken „wir“ Unterschiede – schon intern wirklich mit? Auch unter den hauptamtlich Mitarbeitenden sind nicht nur „Superchrist*innen“, gehen Kirchennähe und Glaubensferne in einem weiten Spektrum auseinander. Was für die einen ein wohtuhendes Ritual bedeutet, löst den Effekt der Geborgenheit bei der anderen eben nicht aus, eher im Gegenteil. Selbst nach 2,5 Jahren kann ich mir die kurze Andachtsordnung partout nicht merken. Vom Mitsingen ganz zu Schweigen. Wenig Superchristen-Like.

Dennoch lerne und spreche ich mehr und mehr „Kirchensprache“ – auch im Netz – , verwende interne Abkürzungen, das bleibt, wie in jedem anderen Kontext, nicht aus.

 Manchmal beschleicht mich jedoch das Gefühl, dass diese Floskeln – diese Ansprache, die Tageslosung, die Tischgebete – auch Tarnsprache sind. Wenn man die Form beherrscht, kann man den Stallgeruch imitieren, der für die Akzeptanz in den Institutionen der verfassten Kirche nach wie vor wichtig ist.

Hanno Terbuyken

Und ja es hilft, ob nun als Tarnung oder als „Ohrenöffner“ für die Themen, die mir in #digitalerKirche am Herzen liegen. Aber damit verwaschen auch mehr und mehr die hör- und sichtbaren Unterschiede, die meines Erachtens auch nach innen so wichtig sind. Ich wünsche mir mehr hörbare Störsignale im Positiven – in und von der Kirche – die wir innen wie außen wirklich und ehrlich „aushalten“, denn es gibt sie längst. 

Ein Gedanke zu “Church first oder halten wir es aus?

  1. Dietrich Bonhoeffer hat in „Widerstand und Ergebung“ praktiscch einen Unterschied gemacht zwischen interner und externer Sprache. Er meinte, dass wir sehr vorsichtig sein sollten, die religiöse Sprache in der Öffentlichkeit zu sprechen. Wir sollten sie schützen (er sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem „arcanum“, das in der Esoterik heute so viel heißt wie Geheimnis oder Geheimwissen). Vor allem aber sollten wir lernen, religiöse Sachverhalte nichtreligiös zu interpretieren und auszudrücken.
    Nur zur Erinnerung: Bonhoeffer lebte vor 80 Jahren.

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