Frauen 4.0 – da geht (noch) mehr

Female Utopia. Feminismus 2018. Frauenmacht. Digitalisierung und Gleichstellung. Vier Veranstaltungen. Drei Formate. Zwei Städte. Eine Erkenntnis.

Reden wir Frauen da etwa immer noch drüber? War ein Satz, der quasi bei jeder dieser Events früher oder später laut fiel. Strategisch geplant war es nicht, dass ich in den letzten Monaten einige Events v.a. von und für Frauen besucht habe. Hat sich so ergeben, aber Zufall war es sicher nicht. Das Frauenbarcamp Hamburg (#fbchh18) im Mai stand v.a. wegen der örtlichen Nähe auf dem Plan, keine große Anreise, keine Kosten und die Chance die eigene Bubble zu verlassen und neue Menschen zu treffen. Schön war, dass es verhältnismäßig klein war, leider ohne Vorstellungsrunde und auch sonst wenig digital. Der von vorgegebene Spirit der Organisierenden „Ein Forum für uns, endlich ein geschützter Raum in dem frau reden kann“. Das war einerseits gut und auch zu viel.

Die Session zu „Bodypositivity“ musste ich nach nur 5 Minuten verlassen. Die Kraft in die Diskussionen gegen Diätenwahn, Frauenbilder in der Werbung und die eigene Story für und wider Eis essen auch ohne Ausgleichssport, einzusteigen, hatte ich dann doch nicht. Not my cup of tea. Zumindest nicht an diesem Tag.

Mit „Mut zur Veränderung“ und einer Session zum Thema „Kryptowährungen und Bitcoins“ konnten mich hingegen zwei Powerfrauen locken, die v.a. dafür brennen, das Thema „Geld“ und Krypto zu dechiffrieren und aus der vermeintlich männlichen Ecke zu holen. Die Euphorie, ja fast Goldgräber*innenstimmung, im Raum konnte frau fast greifen, sei es als reines „Spielgeld“, Geldanlage oder purem Interesse. Nach weiterer Recherche, dem Blick aufs Konto und einem sog. Krypto-Lunch ist das Thema für mich persönlich vorerst zwar abgehakt, aber nicht mehr ganz so ein unbeschriebenes Blatt wie vorher. Danke v.a. an Perdita Habeck!

Ein anderer Schnack war das Barcamp Frauen in Berlin, dessen Sponsoring durch die Friedrich-Ebert-Stiftung sich nicht nur in Location und Catering (yeah!), aber auch inhaltlich auf das Publikum, auswirkte. Das Barcamp stand unter dem Motto „Female Utopia“. Es gab viele Networkingpausen und weniger Sessions. Mit meinem Sessionplan war ich am Ende aber ganz zufrieden, löste er doch das typische Wundertüten-Versprechen vortrefflich ein. Funfact oder nicht: Ich besuchte gleich zwei Sessions, die von Männern angeboten wurden.

In der Session

In der Session, eigentlich war es mehr ein sehr persönlicher Vortrag: „100% haram?! Being queer* in Islam“ hörte ich die Geschichte von Sercan Aydilek, der seit gut einem Jahr von seinen Erfahrungen und Diskussionen als queerer Muslim innerhalb der queeren Szene erzählt. Social Media sei dabei nicht wegzudenken, schaffe sie doch die wichtigen „safe spaces“, um sich in der Community offen auszutauschen und ggf. die Maskerade für einen Moment auch mal abzulegen.

Mit Robert Franken diskutierte der übervolle Raum zu „Mehr Männer im Feminismus“ über Diversität, einem neuen Narrativ dafür und sammelte Ideen, wie die sog. Lähmschichten in KMUs die Gleichberechtigung als Thema annehmen. Als Unternehmensberater nutzt er die Digitalisierung, die ja nun auch wirklich überall als Herausforderung zumindest erkannt wurde, durchaus als trojanisches Pferd, um dann über Diversity im Unternehmen zu sprechen.
Was für ein Move!

Ich frage mich seitdem aktiv, welches trojanische Pferd „Kirchens“ braucht, um auf allen Ebenen die Digitalisierung ernst zu nehmen?

Auch bei der Veranstaltung des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt in den Räumen der Telekom Hamburg wurden die Parallelen deutlich:

„Gleichstellung ist wie Digitalisierung – man muss sie wollen.“

Miriam Stehling

Wie immer eine Frage des Mindsets. Uff. Die Tagung in Hamburg war zwar unter dem Titel „Digitalisierung und Gleichstellung. Durchmarsch oder Moonwalk?“ angekündigt, hatte ihren Schwerpunkt jedoch eher in den sich selbstbestärkenden Schleifen, wie schwer sich die Gleichstellung, nicht nur im kirchlichen Kontext, in den Unternehmen tut und verfing sich viel zu oft in der persönlichen Beschreibung der „Teilzeit-Falle“. Sehr schade, denn die beiden Hauptreferentinnen näherten sich dem Thema gut abgesprochen von ihren jeweiligen Schwerpunkten.

Christina Schildmann tauchte erst mal nach den Basics und holte die Anwesenden ab, mit der Grundfrage: Was meint Digitalisierung überhaupt? Wie sind wir zum Arbeiten 4.0 gekommen und wo ist die Verbindung zum Genderthema? Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Unternehmensstruktur?

Alarmierend und neu war mir, dass der GenderGap in der Startup-Szene besonders groß sei. Spannend die aufgeworfene Frage, ob Algorithmen sexistisch sein können? Welche Annahmen von Geschlecht und Rollenbilder fließen bei der Programmierung von Software mit ein? Hach, was hätte man hier alles diskutieren können.

Miriam Stehling plädierte dafür, sich nicht Digitalisieren zu lassen, sondern mit zu digitalisieren! Doing Gender – auch digital!

Sie warf Schlaglichter auf diese Aspekte: Welche Stereotype begleiten die Digitalisierung in der Arbeitswelt, was für Rollenbilder manifestieren sie? Ein Blick auf die eigene Website gibt Aufschluss über die eigene Unternehmenskommunikation, Sprache und Bilder. Hier lohnt der Blick v.a. in den Bereich „Karriere“.

Wie und wie weiblich ist die eigene Website überhaupt?

Das Format der WorldCafés, das zum inhaltlichen Austausch in Kleingruppen gedacht war, kannte ich vorher nicht. Überzeugt hat es mich leider nicht. Zu viel Zeit wurde in die Wiederholung der Diskussionsstränge investiert, so dass es vielfach sehr oberflächlich blieb. Was mir insgesamt fehlte, war eine positive Vision der Digitalisierung für und von Frauen in der Arbeitswelt. Dem Wiederkauen der systemischen Ungleichstellung von Frauen, den Gefahren des mobilen Arbeitens v.a. für Mütter wurde keine Idee entgegengesetzt wie frau die Digitalisierung nutzen kann. Ich mag nicht glauben, dass es auf dieser Note enden soll bzw. wir auf dieser Stufe verharren.

Denn Empowering Women und Gegenbeispiele aus verschiedenen Bereichen gibt es, wie ein Abend bei und mit #frauenmacht im Mindspace Hamburg zeigte. Ob nun als Gründerin der Local Shopping-App findeling.de oder der Plattform ScribersHub für freie Autor*innen, ob jung oder nicht mehr ganz 20, die digitale Technik befördert und beflügelt individuelle Ideen. Ganz im Sinne: Nutzt die Digitalisierung für Eure Story! Auch wenn das bedeutet:

„It takes years to become an overnight success.“

Sabine Fäht von ScribersHub

#Communityfirst, d.h. höre auf deine Fans/User*innen/Kund*innen hieß es bei Jasmin Jess und Josephine Jess von Prana up your life, die erst ihre Fanbase in Social Media aufbauten, um dann weiter intensiv an den Details ihres Business zu feilen. Voller Energie. Eine Wohltat diesen Schwestern zuzuhören, deren Plädoyer für die Kunst des Mindful machens – auch für die Digitalisierung anwendbar ist, um das Gefühl des Digital-Getrieben-Seins zu stoppen.

Vor 2 Wochen dann der harte Aufprall auf den Boden der Gender-Tatsachen. Ich dachte nur: „Wie bitte?“ als ich bei einer Freundin (berufstätig, verheiratet, 2 Kinder) zu Besuch war und das Thema Fußball-WM von den Jungs (5, 9 Jahre ) wie selbstverständlich nur mit meinem Mann am Tisch geführt wurde. Interessiert ihn, so ganz nebenbei gesagt, null, was gleichsam verstörend auf sie wirkte, als er ihre Expertenfragen nicht beantworten konnte. Die Option, ob ich denn am nächsten Tag auf dem Bolzplatz mitkicken wolle, kam gar nicht erst in Betracht. Ich hätte es nicht gewollt, aber als Spielerin nicht mal in Betracht gezogen zu werden? Nö! Einfach nö!

Nur ein kleines Beispiel, das mir sicher nicht so aufgestoßen wäre und das ich vielleicht nicht in der Familie thematisiert hätte, was ich tat, wenn ich nicht durch diese Events (noch) hellhöriger geworden wäre. Ja, das Gefühl von „Das-hatten-wir-doch-alles-schon“ kratzt zuweilen am Prana, aber wir müssen immer wieder und unermüdlich drüber reden, damit die bisherigen Errungenschaften der Gleichstellung auch in der Welt 4.0 weiter vorankommen und das passiert nur, wenn wir es immer und überall tun!
Also: Werdet Utopistin!

T-Shirt: Utopistin beim Barcamp Frauen in Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s