Die große Bühne für Netzpolitik #14np

Die Besucher*innen bei der 4. Das ist Netzpolitik!-Tagung #14np in der Berliner Volksbühne waren sich in den Themen sehr einig und so schien es, auch insgesamt sehr homogen. 700 Personen hatten sich angekündigt und doch war es ein sehr familiärer Tag. Mensch kennt sich und war mit Berliner Gelassenheit dabei.

Etwas mehr verbalen Krawall hatte ich schon erwartet, aber da die meisten Anwesenden wohl schon seit Jahren für die Netzpolitik aktiv sind, waren es eher die Nebensätze, die von Resignation bis Zynismus die Schattierungen mitbrachten.

Dass die ersten Vorträge, also auch die Eröffnung von Markus Beckedahl folienlos blieben, war sehr schade, aber auch hier nur ein kurzes Schulterzucken, denn es geht um Themen und nicht um Deko.

Die großen Themen waren die EU-Urheberrechtsreform, EU-Leistungsschutzrecht, e-Privacy, Uploadfilter und ihre jeweils aktuellen Stände. Ein juristisches Update folgte dem nächsten, hilfreich, wenn man, wie ich, eben nicht in den Brüsseler Details steckt.

Die Verknechtung des Menschen durch die Technik

Überrascht hat mich, die vergleichsweise hohe Literaturpräsenz. Gleich zwei Runden bestritt Tom Hillenbrand und ging in seinem ersten Vortrag der Frage nach, welche Wechselbeziehungen zwischen Dystopien in der Sience-fiction und politischen Debatten bestehen könnten. Die Zunahme an dystopischen Büchern zeige, dass die Zeiten der heilsversprechenden Technik vorbei sei. Schaut man sich auch Serien wie The Man in the High Castle oder auch WestWorld an, so finde sich immer wieder das Szenario einer sich die Macht an sich reißenden Technologie. Dabei sei die Richtigkeit des geschilderten Szenarios aber nie die Aufgabe des Schreibenden. Diese Entwürfe wollten keine realistischen sein. Das sollte man in der Rezeption nicht vergessen.

Auf dem zweiten Podium wollten Sophie Passmann, Zoë Beck, Constanze Kurt und er eigentlich über „Found in Translation. Wie Nischenthemen zu Kassenschlagern werden“ diskutieren. Vor dem Hintergrund des politischen Eiertanzes in der Causa Maaßen, dem neuesten ARD-Deutschlandtrend und den Ereignissen in Chemnitz, drehte sich das Gespräch mehrheitlich um IMG_1829geänderte Narrative und die Frage, warum und ob wir denn aktuell keine anderen gesellschaftlichen Themen mehr haben. Für mich persönlich eine gute Einstimmung und Vorbereitung auf mein Gespräch im Rahmen von #Deutschlandspricht, das dann Sonntag stattfinden sollte. Es war am Ende weit weniger kontrovers und bewegte sich auch schnell jenseits des vorgegebenen Fragenkatalogs , weil mein Gesprächspartner und ich anderen common ground fanden und über KI und digitale Ethik und die Rolle der Kirchen in diesem Kontext sprachen, die eher einer Leerstelle ist.

Wie unlustig eine smarte und alles vernetzte Welt dann sein kann, zeigte Barbara Wimmer an drei Beispielen unter dem Titel: Alles Vernetzt! und illustrierte die Potenziale eines Internet of Deadly Things.IMG_1826

Von der Manipulierbarkeit von Herzschrittmachern, dem SmartMeter und dem eCall in Neuwagen. Um nicht ganz auf der negativen Note zu enden, erwähnte sie Barcelona als gutes Beispiel einer Smart City, die nach einem kleinen Umweg nun gut auf dem Weg sei.

IT-Sicherheit als Thema so runter zu brechen, quasi „zu Omi“ war der selbsterklärte Anspruch von Jan-Peter Kleinhans. Hat er geschafft, auch wenn ich noch nicht im Grannyalter bin. Seine Slides kann man hier nachlesen.

Wie kriegen wir die Netzgiganten wie Facebook, Google & Co. besser „in den Griff“, welche Ideen einer Form von Plattformregulierung sind denkbar. Die Frage, was und wie gelöscht wird und wie man die Transparenz der Geschäftsmodelle aber vor allem der Algorithmen erzielt, steht oben auf der Agenda.

Cleanliness is next to godliness

Verstörende Einblicke in dieses Feld und die euphemistisch formulierte Content-Moderation gibt der Film „The Cleaners“, den ich zwar noch sehen muss, dessen Regisseur Hans Block dann im Roten Salon von der Produktion in Manila berichtete. Da ich die Reportagen aus den deutschen Löschzentren vor gut einem Jahr in der Süddeutsche Zeitung Magazin und dem SPIEGEL gelesen haben, kann ich mir dennoch gut vorstellen, was mich da erwarten wird. Die Philippinen seien der größte Standort für Content Moderation weltweit. Gefragt, warum gerade dort, nannte er neben der Sprache, der kolonialen Verbindung an den angelsächsischen Raum auch eine religiöse Motivation bzw. Religion als wichtigen Faktor der Menschen, diese Tätigkeit überhaupt aushalten zu können. Der dort gelebte Katholizismus sei so geprägt von der Idee, dass die „Säuberung des Netzes von den dort verbreiteten Sünden“ eine innere Mission sein.

Neben der Aufklärung über diese Schattenindustrie gehe es um die Kernfrage, welche Art von Netz wir wollten und welche Form der Meinungsäußerung wir zulassen. Da gehen und das überrascht ja nun nicht, die Meinungen in Europa im Vergleich zu den USA z.B. weit auseinander. Im Q&A gefragt, ob denn eine KI diesen Job eines Tages nicht übernehmen könne, um Menschen vor dem hochgeladenen Grauen zu schützen, verneinte er entschieden.

Für mich war es ein thematischer Sidestep mit vielen Brücken zu meinen Themen und Playern, der mir aber auch gezeigt hat, dass das (netz-)politische Berlin auf anderen Bühnen steppt und immer wieder aufstampft. Gut so!

Denn wie Markus Beckedahl in seiner Eröffnungrede sagte, „Es geht nicht darum, ob Regulierung geschieht, sondern wie.“

In diesem Sinne: „Fight for your digital rights“!

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(Nachtrag: Beim Barcamp Kirche Online wird der Film The Cleaners im Begleitprogramm am Samstag Abend (29.9.2018) gezeigt.
Wer mehr wissen will: #bckirche und im Web.)

 

 

 

 

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