Von der kirchlichen Polarität – #zwischen0und1

Von einer „digitalen Reformation“ spricht evangelisch.de bereits, wenn die kommende EKD-Synode in Würzburg über Maßnahmenpakete und Handlungsfelder für eine „Kirche im digitalen Wandel“ berät. Welche Komplexität und ganz pragmatischen Stolpersteine das, was so häufig unter #digitalekirche läuft, bergen kann, wurde mir in den vergangenen Monaten an nur einem einzigen Gottesdienst in Hamburg deutlich. Keine Chronik, sondern ein paar atmosphärische Mosaiksteinchen.

Digital sollte er sein, in seiner Form und im Inhalt. Der erste Sublan.TV-Gottesdienst in Hamburg Ende Oktober. Zwischen meinem ersten Gemeindekontakt bis zur Realisierung des digitalen Gottesdienstes lagen fünf Monate. Es gab vier größere Treffen mit stetig wachsender Teilnehmendenzahl, dazu viele kleinere AGs und noch mehr Emails und Telefonate.

Als Eröffnungsgottesdienst der Ev. Akademiewoche der Nordkirche unter dem Motto „Digitalisierung – #zwischen0und1“ sollte selbiger nicht nur theoretisch das Thema beleuchten, sondern auch selbst ein kleiner Leuchtturm sein. Nicht nur aus der Kirche streamen, sondern auch die Möglichkeit der digitalen Partizipartion geben. #digitalekirche eben!

Wie das im Kirchraum und an den Segensroboter BlessU-2 in St. Nikolai HamburgScreens ankam, kann man an diversen Stellen und mit unterschiedlichen Perspektiven nachlesen, z.B. auf der Website der Nordkirche, im Blog von Pastor Erik Thiesen, in der Evangelischen Zeitung, und sogar das digitale Fachmagazin LEAD beschäftigte sich mit diesem Gottesdienst.

Dass ein digitaler Gottesdienst noch mal eine andere Nummer als ein Fernsehgottesdienst ist, wurde auch hier allen schnell klar. Allein die Erklärstücke Welches Tool benutzen wir? Wie poste ich jetzt? und die Zeiträume für den Input der (Netz-)gemeinde verändern den liturgischen Ablauf.
Was ist möglich, was nicht (mehr)? Und wieviel Zeit bleibt am Ende (noch)?

Die größte Variabel: die Technik

Für den Stream, für die benötigten Redaktionstools, für das Netz in der Kirche. Sind die Leitungen stark genug, wieviel braucht man da und was bedeuten die Zahlen im Infosheet  überhaupt? Fragen, die immer wieder auftauchten und oft nur noch mehr Fragen auslösten oder Mut zur Lücke verlangten. Glücklicherweise gibt es in der Hauptkirche St. Nikolai technisch versierte Mitarbeitende, die trotz aller Widrigkeiten mit dem lokalen Netzanbieter am Ende alles zum Laufen gebracht haben. Ein wahres Geschenk!
Doch darauf können kleinere Gemeinden nicht mal eben zurückgreifen, vom Budget für eine externe Technikanmietung ganz zu schweigen. In der EKHN gibt es eine Reihe von Gemeinden, die das Sublan-Angebot schon rege nutzen. Ob der flächendeckende Funke wirklich überspringt, wenn die technischen Hürden gefühlt so hemmen?

Digitalisierung kostet. Sie ist ein innerer wie äußerer Angang. Ein echtes Investment. Das Know-How ist dabei genauso, wenn nicht sogar noch wichtiger. Hier braucht es Hilfestellungen in die Gemeinden hinein und Menschen, Haupt- wie Ehrenamtliche, die sich hineinfuchsen wollen oder von Haus aus IT-Expert*innen sind.

Das kirchlich wunderbar eingeübte Mantra von den „Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung“ zog sich wie ein roter Faden durch das Akademieprogramm und war auch in diesem Gottesdienst nicht zu überhören. Im Grundton aber erfrischend ausgewogen und enthielt durch die improvisierte Form nicht soviel Schwere wie sonst. Ein Fortschritt!

Experiment, es ist ein Experiment

Nein, es muss nicht perfekt sein.
Ja, es wird anders sein.
Nein, es wird nicht allen gefallen.
Ja, das ist noch nicht das Ende der Entwicklung.
Nein, wo es mit digitalen Formen eines Gottesdienstes hingegen kann, weiß niemand.
Den experimentellen Charakter des Ganzen zuzulassen und dies nicht entschuldigend,  sondern offensiv zu kommunizieren, war und ist vielleicht eine der größten Herausforderungen, wenn Kirche ihr gewohnten Pfade verlässt.

Mutig und mündig sein

Für mich gab es in dem Gottesdienst dann auch einen Punkt, wo ich das Smartphone bewusst weggelegt habe und ganz IN der Kirche war. Weder den Livefeed auf der  Leinwand am Altar noch den Twitterfeed verfolgte oder postete. Den Moment der digitalen Überforderung des Multichanneling zu erkennen und nicht zu ignorieren, ist etwas, das für mich zur digitalen Mündigkeit – auch im Kirchenschiff – dazugehört.
Ich entscheide, ob ich am Screen bin oder eben nicht bin.

Eine neue Polarität

Einen Aspekt auf den ich bisher noch nicht gestoßen bin, hörte ich nach dem Gottesdienst. Dass analog vs. digital nicht mehr trägt, ein alter Hut. Dass sich Besucher*innen in der Kirche als „Besucher*innen 2. Klasse“ fühlen könnten, wenn die Partizipation v.a. auf die Netzgemeinde zielt und die analoge Gemeinde nicht direkt mitmachen kann. What a twist?!
Abgesehen davon kann sie mitmachen, wenn sie ihr Smartphone in Reihe 3 zückt und ist genauso dabei wie alle anderen „von außen“. Vielleicht zielt diese Bemerkung auch mehr auf die (fehlende) Partzipation innerhalb des Gottesdienstes insgesamt (gemeinsame Gebete und Gesang mal ausgenommen). Mitsprache und direkte Reaktion (z.B. auf die Predigt) – all das, was digitale, Social Media-Kommunikation eben ausmacht. Vielleicht braucht es an der einen oder anderen Stelle einfach mehr davon? Hier verlasse ich jedoch mein gewohntes Terrain und überlasse es den Theolog*innen daran weiterzudenken.

Schon lange habe ich nicht mehr in einem Gottesdienst gesessen, in dem so viel gelacht wurde, der auch außergewöhnlich jung in der Besucherschar war, der in einer mir zugänglicheren Sprache daherkam und bei aller Digitalität auch ganz stille, tiefe Momente hatte. Ein Kudo für das Pastor*innenteam, die Gemeinde mit ihrem großartigen Team, die das echt gerockt haben und allen Beteiligten aus den verschiedensten Institutionen und Kontexten! Es hat riesig Spaß gemacht, das Projekt (nicht nur in Social Media) zu begleiten und daran mitzuwirken!

Dass es vor der Kirchentür zu Protesten gegen den angereisten Segensroboter BlessU-2 aus der EKHN kam, war für mich als ehemalige Pressefrau selbstredend ein Coup.
Nicht nur am Robotersegen scheiden sich die Geister, entfachte sich eine spannende Debatte rund um den Segen (Ziel erreicht, würde ich sagen), auch die Frage des Grades, des Tempos der Digitalisierung innerhalb der ev. Kirche wird in Würzburg sicherlich für kontroverse Diskussionen und die eine oder andere kirchentypische Polarisierung sorgen.

Bei aller Polarität hoffe ich auf ein gutes Votum #zwischen0und1!

Zum Nachsehen: Sublan-Gottesdienst aus der Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern in Hamburg, 28.10.2018 (c) Nordkirche:

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